<< zurück

Vorläufige Jahresbilanz zur Entwicklung im Agrarsektor der Russischen Föderation 2019

Allgemeine Wirtschaftssituation

Trotz des Rückgangs des Wirtschaftswachstums in der Russischen Föderation 2019 weist der Agrarsektor unverändert eine positive Dynamik auf. Nachdem 2018 in der landwirtschaftlichen Produktion laut offizieller Erhebung sogar ein Rückgang um 0,2 % zu verzeichnen war, dürfte in diesem Jahr nach Prognosen des Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung und Handel das Wachstum wieder 1,6 % erreichen.

Zu den makroökonomischen Faktoren, die die Entwicklung des russischen Agrarsektors positiv beeinflussen, zählen die Experten die gegenwärtige Wechselkursstabilität des Rubels, die Senkung des Leitzinssatzes, den weiterhin bedeutenden Umfang staatlicher Förderungen, sowie internationale Handelskonflikte (vor allem zwischen den USA und China), die weitere Absatzmärkte für die landwirtschaftlichen Produkte aus Russland eröffnen. Negative makroökonomische Faktoren bestehen in der Abkühlung der Binnenkonsumnachfrage aufgrund der stagnierenden Einkommenssituation, im Anstieg der Mehrwertsteuer zu Beginn des Jahres von 18 % bis zu 20 % sowie in der Abschwächung der Weltkonjunktur, die die Exportdynamik negativ beeinflusst.

Im Hinblick auf die brancheninternen Faktoren ging nach Meinung der Experten in diesem Jahr die Bedeutung der Tierhaltung für das landwirtschaftliche Produktionswachstum zugunsten des Pflanzenbaus etwas zurück. Die positive Dynamik im landwirtschaftlichen Sektor wird u.a. durch die sehr gute Getreideernte (nach 2017 die landesweit zweitbeste), die Rekordernte bei Ölpflanzen sowie die ertragreiche Zuckerrübenernte gewährleistet. Auch die Gemüseproduktion gilt als „Wachstumstreiber“ im Pflanzenbau. In der Tierhaltung gilt, wie bereits im Vorjahr, dank der Inbetriebnahme einer Reihe von Großbetrieben im Bereich der Schweinezucht, die Produktion von Schweinefleisch als wichtigster Faktor.

Insgesamt bleibt die Landwirtschaft in Russland eine attraktive Branche für Investitionen, ungeachtet mehrerer Schwierigkeiten in einzelnen Teilbereichen, so z.B. auch der Überproduktion bei einigen Wirtschaftsgütern, darunter Zucker. Verstärkt war der russische Agrarsektor auch für ausländische Investoren attraktiv. Gründe hierfür liegen laut Experten u.a. in relativ preisgünstigen Ressourcen sowie Arbeitskräften, in der Marktnähe zur Volksrepublik China sowie im Entwicklungspotenzial bisher nicht abgedeckter Nischen auf dem Binnenmarkt, besonders in der Agrartechnologie.[1] Nach Prognosen des Landwirtschaftsministeriums der Russischen Föderation nehmen die Investitionen in den Agrarsektor im laufenden Jahr um 10 bis 15 % auf 520 bis 540 Mrd. Rubel zu (entsprechend 7,43 bis 7,71 Mrd. €).[2] Der Anteil der Investitionen in den Agrarsektor beträgt ca. 3,8 % der Gesamtinvestitionen.

Allgemeine Ergebnisse 2019

Nach dem vorläufigen Ergebnis für das Jahr 2019 soll die Getreideernte 121 Mio. Tonnen Nettogewicht erreichen, entsprechend 7 % mehr im Vergleich zum Vorjahr mit einem Umfang von 113,2 Mio. Tonnen.[3] Die Weizenernte wird 2019 75 Mio. Tonnen (2018: 72,1 Mio. Tonnen) betragen.[4] Sehr günstige Prognosen beziehen sich auch auf die Maisproduktion, die eine Steigerung um 21 % auf bis zu 13,8 Mio. Tonnen realisieren kann. Auch wird eine Rekordernte bei Sojabohnen (4,4 Mio. Tonnen, entsprechend einem Plus von 10 %) und Treibhausgemüses (1,15 Mio. Tonnen, entsprechend einem Plus von 15 %) erwartet.

Eine positive Dynamik ist auch bei der Tierzucht zu beobachten: Die Schlachtvieh- und ‑geflügelproduktion soll um etwa 2 % auf bis zu 15,2 Mio. Tonnen Lebendgewicht und die Milchproduktion um 1,4 % auf bis zu 31,1 Mio. Tonnen zunehmen. Die Steigerung der Milchproduktion schreibt das Landwirtschaftsministerium auch „präzedenzlosen Fördermaßnahmen“ für die Teilbranche zu. Im Hinblick auf die Schweine- und Geflügelfleischproduktion stellt das Landwirtschaftsministerium derzeit einen Angebotsüberhang fest.

Nach offiziellen Berechnungen des Ministeriums wird der Erlös der Agrarbetriebe 2019 etwa 3 Billionen Rubel (ca. 42,86 Mrd. €) betragen, entsprechend einem Plus von 4 % im Vergleich zum Vorjahr. Der Gewinn vor Steuern der Agrarbetriebe wird mit insgesamt 378 Mrd. Rubel (5,4 Mrd. €, entsprechend + 20,7 %) prognostiziert. Die Rentabilität wird unter Berücksichtigung der staatlichen Förderungen mit 14,6 % prognostiziert, förderbereinigt mit 10 %.[5] Der Reingewinn der Branche wird für 2019 mit 364 Mrd. Rubel (5,2 Mrd. €) beziffert. Die Verschuldung des Agrarsektors gegenüber Kreditoren wird mit 3 Billionen Rubel (42,86 Mrd. €) angegeben.[6]

Pflanzenbau

Laut operativer Daten vom 05. Dezember 2019 wurden landesweit insgesamt 126,7 Mio. Tonnen Getreide Bruttogewicht (2018: 116,6 Mio. Tonnen) geerntet, bei einem Ernteertrag von 28 dt pro Hektar (2018: 26,2 dt/ha). Die entsprechende Ertragskennziffer lag für Weizen bei 77,9 Mio. Tonnen (2018: 73,4 Mio. Tonnen), für Gerste bei 21,6 Mio. Tonnen (2018: 17,7 Mio. Tonnen), für Körnermais bei 14,4 Mio. Tonnen (2018: 11,1 Mio. Tonnen) sowie für Reis bei 1,2 Mio. Tonnen (2018: 1,1 Mio. Tonnen).

Der Ertrag bei Sonnenblumen beträgt voraussichtlich 15,3 Mio. Tonnen (2018: 12,5 Mio. Tonnen), bei Sojabohnen 4,5 Mio. Tonnen (2018: 4 Mio. Tonnen) und bei Raps 2,2 Mio. Tonnen (2018: 2,1 Mio. Tonnen). Einen starken Zuwachs erfuhr auch die Zuckerrübenernte mit 53,3 Mio. Tonnen (2018: 41,3 Mio. Tonnen), die Kartoffelernte mit 7,3 Mio. Tonnen (2018: 6,7 Mio. Tonnen) sowie die Ernte von Feld- und Treibhausgemüse mit 5,2 Mio. Tonnen (2018: 4,2 Mio. Tonnen).[7]

Die Hauptfaktoren für diese Ertragssteigerung bei den landwirtschaftlichen Hauptkulturen waren zum einen eine Vergrößerung der Aussaatfläche und zum anderen die günstigen Witterungsbedingungen im Frühjahr. Ungeachtet eher ungünstiger Witterungsbedingungen in vereinzelten Regionen des Landes war ein positiver Gesamteffekt zu verzeichnen. Auch muss beim Pflanzenbau die vergleichsweise niedrige Basis des Vorjahres berücksichtigt werden. So fiel die Getreide- und Körnerhülsenfrüchteernte 2018 mit 113,3 Mio. Tonnen um etwa 16,4 % und bei Zuckerrüben mit 42 Mio. Tonnen etwa 19 % geringer aus als 2017.[8]

Nach operativen Daten des Landwirtschaftsministeriums wurde Wintergetreide für die neue Saison auf 18,2 Mio. Hektar gesät, entsprechend einem Plus von 0,6 Mio. Hektar im Vergleich zum Vorjahr. 90 % des Wintergetreides entfällt auf Weizen, 6 % auf Roggen, 3,3 % auf Gerste und 0,5 % auf Triticale. Bei Sommerkulturen rechnet das Landwirtschaftsministerium mit einer Ausweitung der Aussaatfläche um 0,8 Mio. Hektar auf ca. 80,26 Mio. Hektar, darunter für Getreide auf 47,9 Mio. Hektar (+ 0,65 Mio. Hektar). Dabei wird auch eine Korrektur der Anbauflächen bei verschiedenen Kulturen erwartet, so soll z.B. die Anbaufläche bei Zuckerrüben um 15 % verringert bzw. bei Ölpflanzen (Soja) vergrößert werden.[9]

Tierproduktion

2019 wies die russische Milchproduktion, wie bereits in den letzten Jahren zuvor, ein leichtes Wachstum auf. Das Landwirtschaftsministerium erwartet eine Steigerung der Bruttomilchproduktion um 1,4 % von 30,6 Mio. auf 31,1 Mio. Tonnen im Vergleich zu 2018. Der Produktionszuwachs bei Marktmilch soll Prognosen von Experten zufolge 600.000 bis 700.000 Tonnen betragen, entsprechend einem Plus von 2,5 bis 2,7 % gegenüber 2018.

Der Milchproduktionszuwachs wird bei gleichzeitiger Senkung des Tierbestandes an Milchkühen durch die Steigerung der Milchleistung gewährleistet. Laut Angaben des russischen Statistikamtes (Rosstat) hat sich zwar der Tierbestand zum 1. Oktober um 1 % auf 4,59 Mio. Tiere vergrößert, allerdings wird zum Jahresende 2019 eine Reduzierung des Milchkuhbestands um etwa 100.000 Tiere erwartet. Die durchschnittliche Milchleistung pro Kuh soll dabei im Jahresvergleich um 300 bis 400 kg ansteigen. Im Zeitraum vom Januar bis September 2019 betrug die durchschnittliche Milchleistung pro Kuh 4.918 kg (+ 5,9 % im Vorjahresvergleich), für 2019 wird eine durchschnittliche Milchjahresleistung pro Kuh in Höhe von 6.140 kg erwartet. Diese Steigerung erfolgt hauptsächlich durch die Vergrößerung des Marktanteils großer industrieller Milchviehanlagen.

Im Jahr 2019 besonders bemerkenswert waren konstant hohe Erzeugerpreise für Rohmilch, die selbst in der sommerlichen Periode mit großem Milchaufkommen nicht wesentlich sanken. Im 9-Monats-Durchschnitt war der durchschnittliche Preis für Rohmilch um 9 % höher, als in der vergleichbaren Vorjahresperiode. Zum Jahresende rechnen die Experten mit einem Milchpreis von 25 bis 25,5 Rub./l (ca. 35,71 bis 36,43 ct/l. Zahlreiche Experten und Marktteilnehmer sehen in der Verteuerung der Rohmilch das Ergebnis staatlicher marktregulatorischer Maßnahmen bei Milchprodukten. Vollmilcherzeugnisse begannen schrittweise sogenannte „milchenthaltende Lebensmittel“ zu verdrängen, was zu einer erhöhten Nachfrage nach Rohmilch und entsprechend einem Preisanstieg führte.

Experten gehen von einem ruhigen Jahr 2020 aus: Die Preise gelten als ausgeglichen, ein Anstieg ist kaum zu erwarten. Der Produktionsumfang von Marktmilch könnte noch um 600.000 bis 700.000 Tonnen zunehmen. Dem Milchmarkt dürfte eine Periode der „Feinjustierung“ in der Preisentwicklung, bei der Nachfrage, aber auch in der staatlichen Regulierung des Marktes und auch bei der Exporterschließung bevorstehen. [10] [11]

Ungeachtet des hohen Marktsättigungsgrads setzte die Fleischproduktion der Russischen Föderation 2019 ihre positive Dynamik fort. In diesem Jahr dürfte die Produktion im Fleischsektor etwa um 3,8 % anwachsen. Laut Prognosen umfasst die gesamte russische Fleischproduktion 2019 10,8 bis 11 Mio. Tonnen Schlachtgewicht, einschließlich 5,1 Mio. t Geflügelfleisch, über 4 Mio. t Schweinefleisch (+ 3 % gegenüber 2018) und 1,6 Mio. t Rindfleisch (+ 1 %).

Als Haupttreiber für die positive Entwicklung gilt die Schweinehaltung. Der vorherige Branchenführer, die Geflügelhaltung, stagniert hingegen und wies zu Beginn des Jahres sogar einen Produktionsrückgang auf. Die Vergrößerung der Produktionsmengen und fehlende Exportmöglichkeiten für die Überschüsse drücken erwartungsgemäß auf die Preise. Dies führt zu einem Ausscheiden schwächerer Marktteilnehmer und zu einer Konsolidierung bei den „großen Playern“.[12]

Bei Rindfleisch blieb der Produktionsumfang im Vergleich zum Vorjahr konstant bzw. stieg im Zusammenhang mit der effektiveren Milchviehhaltung und der Entwicklung der Fleischrinderhaltung leicht an. Der grundsätzliche Nachfrageüberhang auf dem Markt für Rindfleisch blieb dabei erhalten, was sich auch im hohen Preisniveau manifestierte. Die Hauptprobleme der Rindfleischproduzenten bestehen in ihrer Zersplitterung, Kommunikationsdefiziten bei der Lösung teilbranchenspezifischer Probleme sowie in einer unzureichenden Infrastruktur. Einige große Investitionsprojekte im Bereich der Fleisch- und Viehzucht, die mit staatlicher Unterstützung umgesetzt werden, konnten die Situation auf dem Rindfleischmarkt ungeachtet seines bedeutenden Potenzials bisher nicht grundlegend ändern.[13]

Exportentwicklung

Laut Angaben des russischen Landwirtschaftsministeriums betrug der Export von Produkten aus dem Agrarsektor in den Monaten Januar bis Oktober 2019 19,3 Mrd. US-Dollar. Im Vergleich zur Vorjahresperiode handelt es sich um einen Rückgang von 2-3 %. Ursächlich hierfür ist laut Ministerium eine veränderte Zusammensetzung der russischen Agrarexporte: Nicht-Getreide-Exporte verzeichneten einen Zuwachs um 13 %. Russland strebt eine Senkung des Anteils der Getreideexporte innerhalb der Agrarexportstruktur an, um in Zukunft den Schwerpunkt auf Güter mit ausgeprägterer Wertschöpfungstiefe (Fleisch und Fleischerzeugnisse, Butter, Fette und Öle, Zucker) zu verlagern.

In diesem Zusammenhang dürfte der Fleischexport aus Russland laut Prognose des Nationalen Fleischverbands 2019 die Marke von 300.000 Tonnen und unter Berücksichtigung von Fleischerzeugnissen voraussichtlich ca. 350.000 Tonnen erreichen. Den größten Anteil nimmt dabei Geflügelfleisch ein (voraussichtlich ca. 200.000 Tonnen), gefolgt von Schweinefleisch. Damit gehört Russland zu den zehn größten Schweinefleischexporteuren der Welt. Als besonders aussichtsreicher Absatzmarkt wird China eingestuft. Bisher ist der chinesische Markt nur für russisches Broilerfleisch geöffnet, weitere Lieferungen von Schweinefleisch befinden sich jedoch in der politischen Abstimmung.


[1]https://www.agroinvestor.ru/investments/article/32867-investitsii-opyat-smenili-drayvery/

[2]https://www.agroinvestor.ru/regions/news/32900-dinamika-rosta-apk/

[3]http://mcx.ru/press-service/news/minselkhoz-povysil-prognoz-urozhaya-zerna-v-rossii/

[4]https://www.dairynews.ru/news/urozhay-pshenitsy-v-rossii-v-2019-g-predvaritelno-.html

[5]https://www.agroinvestor.ru/regions/news/32900-dinamika-rosta-apk/

[6]https://milknews.ru/index/selskoe-hozyaystvo/vyruchka-apk-2019.html

[7]https://www.zol.ru/n/2fe98

[8]https://www.agroinvestor.ru/analytics/news/32517-minekonomrazvitiya-prognoziruet-rost/

[9]https://www.agroinvestor.ru/analytics/news/32853-ushcherb-agrariev-ot-chs-priblizilsya-k-13-mlrd-rubley/

[10]https://www.dairynews.ru/news/elena-fastova-rost-proizvodstva-moloka-po-itogam-g.html

[11]https://www.agroinvestor.ru/markets/article/32864-moloko-podtolknuli-k-kachestvu-kak-razvivalsya-molochnyy-rynok-v-2019-godu/

[12]https://www.agroinvestor.ru/markets/article/32865-eshche-bolshe-myasa-v-2019-godu/

[13]https://www.agroinvestor.ru/analytics/news/32711-v-rossii-sokhranyaetsya-nekhvatka-govyadiny/