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Der Markt für Ökolandbauprodukte in Russland. Eine Bestandsaufnahme und Perspektiven für die Zukunft

О. V. Mironenko, Geschäftsführer des Nationalen Ökolandbauverbandes der Russischen Föderation

Der Markt für Bio-Erzeugnisse zählt weltweit zu den Märkten mit den größten Entwicklungspotenzialen. In den Jahren 2000 bis 2016 verzeichnete sein Volumen einen Zuwachs auf annähernd das Fünffache (von 18 auf 90 Mrd. US-Dollar). Nach Schätzungen von Grand View Research wird das Marktvolumen der Bio-Erzeugnisse im Zeitraum 2018 bis 2020 jährlich weiter um 16-17 % zunehmen und bis 2025 zwischen 15 und 20 % des weltweiten Marktes für landwirtschaftliche Erzeugnisse ausmachen.

Obwohl es in Russland bis zur Verabschiedung des neuen Ökolandbaurahmengesetzes im Sommer 2018 keine gesetzliche Regelung des Begriffs „Ökologischer Landbau“gab, verzeichnete der russische Markt ein beachtliches Wachstum. Von 2010 bis 2014 lag dieses bei jährlich 10 %, die Krise und einige mittelbare Faktoren drosselten diesen Zuwachs jedoch. Im Ergebnis fielen die Wachstumsziffern mit 4 % in den Jahren 2015-2016 – wobei manche Experten von Stagnation und sogar einem Wachstumsrückgang sprechen – weit hinter die Erwartungen zurück. Diese waren an dem Ziel orientiert, die Länder der Europäischen Union einzuholen und hinsichtlich des Entwicklungstempos der Branche zu ihnen aufzuschließen.

Anfang der 2000er Jahre betrug das Marktvolumen des Ökolandbausektors 16 Mio. Euro (wobei die Erzeugnisse zu 100 % importiert wurden). Heute ist dieses mit 160 Mio. Euro zu beziffern (wobei heimische zertifizierte Erzeugnisse bereits 15-20 % ausmachen). Ungeachtet der beachtlichen Wachstumskennziffern in absoluten Größen beträgt der russische Anteil am Weltmarkt lediglich 0,15 %. Der russische Markt ist derzeit aus Sicht vieler Länder durch technischen Rückstand geprägt. Ändern sich diese Voraussetzungen in absehbarer Zeit nicht, so steht zu befürchten, dass das Importvolumen einen solchen Umfang erreicht, dass eine eigene ökologische Erzeugung nicht mehr rentabel ist. Dabei hat Russland hinsichtlich seiner natürlichen Ressourcen eine geringe Umweltverschmutzung vorzuweisen. Die Entwicklung seiner Transportinfrastruktur und die Verfügbarkeit von Weideland bergen zudem erhebliche Potentiale für die Einführung der ökologischen Wirtschaftsweise.

Für die kleinunternehmerische Wirtschaft, die angesichts der russischen Mitgliedschaft in der WTO mit großen Erzeugern nicht konkurrieren kann, könnte die ökologische Wirtschaftsweise Möglichkeiten eröffnen, um nicht nur zu überleben, sondern mit Qualitätsprodukten eigene Positionen auf dem Markt zu besetzen und dem Wettbewerb mit Großbetrieben standzuhalten. An vielen Standorten der Russischen Föderation dürfte die ökologische Landwirtschaft nicht nur eine Option, sondern das einzig mögliche wirtschaftlich tragfähige Modell darstellen.

Die russischen Erzeuger zertifizierter Ökoprodukte zeichnet eine ausgeprägte Orientierung am „ökologischen Gedanken“ aus. Im Unterschied dazu ist etwa in den baltischen Staaten häufig ein rein kommerzieller Standpunkt vorherrschend. So geht es entweder darum, in den Genuss staatlicher Subventionen zu kommen oder eine hohe Marge, also rentable Gewinnspannen zu erreichen. In dieser Hinsicht scheint der russische Ökolandbau ein stabileres Fundament zu haben.

Unter vielen strukturellen Aspekten ist der russische dem europäischen Ökolandbau ähnlich. So etwa erzeugen in Europa - ähnlich wie in Russland - die Landwirte überwiegend Obst, Gemüse und Graupen (Abb. 1). An zweiter Stelle folgen auf dem russischen wie auf dem ausländischen Markt Milchprodukte.

Studien aus den Jahren 2013 bis 2016 ergaben, dass das wichtigste Motiv für den Verzehr von Bio-Lebensmitteln die Sorge um die Gesundheit ist. Erhebungen von TNS und Yandex Market zeigen, dass in Russland vor allem Hausfrauen für ihre Familie und Angehörigen und Mütter für ihre Kinder Erzeugnisse aus ökologischem Anbau kaufen. Diese Gruppen machen 40 % der Käufer aus. Ein Drittel bilden Verbraucher, die eine gesunde Lebensweise anstreben. Nur 10 % folgen mit ihrer Ernährung einer ärztlichen Empfehlung. Eine ähnliche Größe hat das sogenannte Luxus-Segment. Die restlichen 5 % der Käufer von Bio-Lebensmitteln greifen für einen modischen Trend tiefer in die Tasche. Zum Vergleich: In den Jahren 2007/2008 kam mit über 90 % der Großteil der Nachfrage aus dem Luxus-Segment. Daraus lässt sich schließen, dass die Ausdifferenzierung der Zielgruppen in der vorliegenden Struktur weitgehend abgeschlossen ist und sich mit diesen Tendenzen weiter entwickeln wird.

Ein wichtiger Unterschied zu Europa betrifft die Menge des Pro-Kopf-Verbrauchs ökologischer Erzeugnisse. Die hinsichtlich der Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln stabile Gruppe ist nicht größer als 1 % der Bevölkerung. Die Ausgaben für ökologische Erzeugnisse betrugen im Beobachtungszeitraum weniger als 1,00 Euro pro Kopf der Bevölkerung im Jahr, während diese Kennziffer in der Schweiz bei 274,00 Euro lag.

Nach eigenen Analysen der Motive von Verbrauchern, ökologische Erzeugnisse zu kaufen, wirken sich folgende Faktoren einschränkend auf die Nachfrage aus:

1. Der hohe Preis von Bio-Lebensmitteln,

2. Mangel an Informationen und Sachkenntnis der Bevölkerung im Hinblick auf ökologische Erzeugnisse, obwohl in der Öffentlichkeit (Internet, Fernsehen etc.) häufig Themen im Zusammenhang mit Lebensmitteln aus ökologischer Erzeugung aufgegriffen werden.

3. Irreführung der Verbraucher durch trügerische Kennzeichnung. Viele Verbraucher können schwer erkennen, ob ein Erzeugnis tatsächlich ökologisch ist.

4. Unvermögen der Mehrheit der Verbraucher, ohne sachkundige Hilfestellung Bio-Lebensmittel von konventionell erzeugten Lebensmitteln zu unterscheiden.

5. Käuferstruktur: die Nachfrage ist überwiegend in Großstädten mit hoher Bevölkerungsdichte, hoher Umweltbelastung und hoher Kaufkraft der Bevölkerung konzentriert.

6. Nichtvorhandensein eines den nationalen, internationalen Normen und Regelungen gleichwertigen Systems der Standardisierung, Zertifizierung und Kontrolle ökologischer Erzeugung, was die Entwicklung des russischen Marktes erheblich hemmt.

Ökoprodukte haben heute den Charakter von Erzeugnissen aus Handarbeit. Und wie jedes in Handarbeit hergestellte Produkt sind sie teurer als industriell hergestellte Waren. Im Durchschnitt beträgt die Preisdifferenz zwischen konventionell und ökologisch hergestellten Waren im Verkaufsregal 100 - 200 % (zum Vergleich: in den entwickelten europäischen Ländern beträgt diese Differenz 15 - 50 %). Unter Krisenbedingungen hat eine solche Preisdifferenz zweifellos Einfluss auf die Kaufentscheidung.

Ein stabilisierender Faktor des Marktes für ökologische Erzeugnisse ist die Treue der Verbraucher zu diesen Produkten, die auch in Krisenzeiten fortbesteht. Ungeachtet jeglicher Probleme ist der ernährungsbewusste Verbraucher bestrebt, nicht zu konventionellen Lebensmitteln zurückzukehren. Nach Auffassung russischer Branchenexperten konnten die Kunden in Russland trotz der Unvollständigkeit der einschlägigen Gesetzgebung und der wirtschaftlichen Probleme in den Jahren 2013 - 2015 gehalten werden, wobei ein Teil der Erträge allein wegen der Einbußen bei den durchschnittlichen Ausgaben verloren gingen. Seit 2016 steigen die Käuferzahlen wieder an.

Niemand wird jedoch auf Dauer unrentabel wirtschaften. Daher müssen in den nächsten Jahren Wege gefunden werden, um die Selbstkosten der ökologischen Erzeugung zu senken. Gegenwärtig wirtschaftet jeder Erzeuger isoliert und es mangelt an Kooperation, wo sie dringend erforderlich wäre – etwa zwischen Erzeugern und verarbeitenden Betrieben, Erzeugern und Handelsnetzen, Erzeugern und der Wissenschaftsgemeinde. Das Jahr 2018 und die folgenden Jahre sollten genutzt werden, um Kooperation und Spezialisierung nach Geschäftsbereichen weiterzuentwickeln. Auf diese Weise würden sich in einzelnen unbesetzten Segmenten (zum Beispiel der Verarbeitung, Herstellung von Biopräparaten und Biodünger, Saatgut) neue Marktteilnehmer etablieren, es wären nicht weiterhin sämtliche Prozesse beim Erzeuger gebündelt. Es ist davon auszugehen, dass neue Technologien eingeführt werden und die Preisdifferenzen zwischen Bioprodukten und konventionell erzeugten Produkten zurückgehen. Diese Faktoren werden sich insgesamt auf den Preis ökologischer Erzeugnisse auswirken.

Die Herausbildung und weitere Entwicklung des Marktes für ökologische Erzeugnisse weisen in jedem Land spezifische Merkmale auf. Das Gleiche gilt für die Absatzkanäle.

Geografisch sind Moskau und Sankt Petersburg die Handelszentren für ökologische Erzeugnisse mit den größten Potenzialen. In ihnen sind derzeit 70 % des Verkaufs von Biolebensmitteln konzentriert (davon etwa 70 % in Moskau, 30 % in Sankt Petersburg). Dabei gibt es in Moskau um ein Vielfaches mehr Geschäfte für Naturlebensmittel und Öko-Produkte als in Sankt Petersburg. Der Markt in Sankt Petersburg befindet sich derzeit noch in der Phase der Entstehung. Neue Marktteilnehmer stoßen bei ihrem Markteintritt daher auf keinerlei Barrieren.

Obwohl in Russland die Nachfrage nach ökologischen Erzeugnissen hoch ist, gibt es relativ wenige Einkaufsstätten für Bio-Lebensmittel. Die Preise in ihnen sind außerdem sehr hoch. In Sankt Petersburg werden Bioprodukte hauptsächlich über das Internet bezogen. Nach Auffassung der Erzeuger im ökologischen Landbau ist die Ursache dafür in der kurzen Haltbarkeit solcher Produkte zu sehen. Diese eignen sich daher nicht für eine Präsentation in den Geschäftsregalen des Einzelhandels. Die Zustellung erfolgt über Online-Shops für ökologische Erzeugnisse in Sankt Petersburg. In Einzelhandelsgeschäften werden nur Lebensmittel mit langer Haltbarkeit verkauft, etwa Honig, Sonnenblumenöl oder Nüsse. In Moskau und einigen weiteren großen Städten jedoch wird der Verkauf leicht verderblicher Lebensmittel in Einzelhandelsgeschäften mittlerweile erfolgreich organisiert.

Den wichtigsten Absatzkanal für ökologische Erzeugnisse in der Russischen Föderation stellen Supermärkte dar, deren Anteil am gesamten Vertrieb mehr als 50 % ausmacht. Auch Bio-Supermärkte konnten sich erfolgreich etablieren, ihr Anteil liegt bei 20 – 25 %. Die übrigen Erzeugnisse werden im Direktverkauf, auf Wochenmärkten oder über das Internet vertrieben.

Was diesen Faktor betrifft, unterscheiden sich die in Russland zu beobachtenden Kennziffern nicht von denen führender Industrienationen.

Eine Schlüsselrolle für den künftigen Erfolg des ökologischen Landbaus nimmt dabei das kürzlich verabschiedete Gesetz „Über die Herstellung und das Inverkehrbringen ökologischer Erzeugnisse“ sowie weitere künftige normative Akte und ihre Umsetzung in die Praxis. Entscheidend ist dabei das Vertrauen in die Zertifizierungsstellen. Dabei geht es nicht nur um die Qualität ihrer Arbeit, sondern auch um ein entwickeltes System der öffentlichen Kontrolle der Zertifizierungsstellen und der Unternehmen, die von letzteren geprüft werden. Große Bedeutung wird in diesem Zusammenhang gesellschaftlichen Vereinigungen ökologischer Erzeuger und Verbraucherverbänden zukommen.

Laut dem Gesetz darf ein Produkt nur als ökologisch gekennzeichnet werden, wenn sein Erzeuger in das Staatliche Register der Produzenten ökologischer Erzeugnisse der Russischen Föderation aufgenommen wurde. Es obliegt dem Landwirtschaftsministerium der Russischen Föderation, die Regeln der Registerführung und die Anforderungen an die Produzenten ökologischer Erzeugnisse, die eine Aufnahme in das Register beantragen, festzulegen. Bislang noch ungeklärt ist die Frage, wer die Daten in das Register aufnehmen wird. Hier überwiegt die Auffassung, dass diese Aufgabe von den Zertifizierungsstellen ausgeführt werden sollte.

In der Russischen Föderation gibt es kein grafisches Kennzeichen für ökologische Erzeugnisse. Die Erfahrung der Ukraine, in der erst zwei Jahre nach Inkrafttreten des einschlägigen Gesetzes ein Öko-Kennzeichen eingeführt wurde, sollte nicht wiederholt werden. Das russische Landwirtschaftsministerium sollte sich an der internationalen Praxis orientieren und eine öffentliche Ausschreibung für die Gestaltung eines solchen Logos organisieren.

Obwohl der russische Präsident die Entwicklung des ökologischen Landbaus als staatliche Prioritätsaufgabe bezeichnet, wurde die Produktion ökologischer Erzeugnisse nicht in die Liste der prioritären Projekte der Regierung der Russischen Föderation im Zeitraum 2016 - 2018 aufgenommen. In dem staatlichen Programm für den Zeitraum 2013 - 2020, in dem die Förderschwerpunkte für den Agrarsektor festgelegt und mit zusätzlichen Mitteln ausgestattet werden, ist der ökologische Landbau ebenfalls nicht vorgesehen. Dies wird von den Branchenexperten mit großer Sorge gesehen.

Trotz erschwerter Umstände engagiert sich eine ganze Reihe von Regionen für die Umstellung der Landwirtschaft auf ökologischen Landbau. Hier sind vor allem die Republiken Baschkortostan und Tatarstan sowie die Gebiete Jaroslawl, Belgorod, Kaluga, Tomsk und Woronesch zu nennen.

Abschließend sei betont, dass der Markt für ökologische Erzeugnisse über erhebliche Entwicklungspotenziale verfügt, da es in Russland die Gruppe ökologisch orientierter Verbraucher stetig wächst. Es besteht daher ungeachtet aller Herausforderungen Grund zu einem optimistischen Blick in die Zukunft.

Es handelt sich bei diesem Artikel um eine gekürzte Version des Originals.

Den vollständigen Artikel von O. V. Mironenko finden Sie bei uns auf der Website unter

https://de.agrardialog.ru/prints/details/id/171 .

Weitergehende Informationen über den Nationalen Ökolandbauverband der Russischen Föderation sind unter www.rosorganic.ru verfügbar.