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Plenarsitzung der Internationalen Konferenz Nikonow-Lesungen zum Thema "Wechselwirkungen zwischen Stadt und Land in der modernen Gesellschaft: Trends, Probleme, Perspektiven"

Am 25. Oktober 2021 fand im Rahmen der 26. Nikonow-Lesungen eine digitale Konferenz zum Thema „Wechselwirkungen zwischen Stadt und Land in der modernen Gesellschaft: Trends, Probleme, Perspektiven“ unter der Leitung von Herrn Professor Alexander Petrikow, dem Direktor des VIAPI-Nikonow-Instituts, statt. In der Konferenz wurden aktuelle Herausforderungen der ländlichen Entwicklung und entsprechende agrarpolitische Maßnahmen für gleichwertige Lebensverhältnisse erörtert. Neben Bestandsaufnahmen und Maßnahmen zur Verbesserung der Perspektiven in ländlichen Regionen, diskutierten die Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik die aktuellen Trends einer „Deurbanisierung“, die Folgen der Pandemie und Möglichkeiten der Digitalisierung. Mit über 170 Teilnehmern, darunter Wissenschaftler, Politiker und Vertreter von Behörden aus ganz Russland sowie aus Deutschland, Kasachstan und Belarus, stieß die Konferenz auf großes Interesse.

Mit den Grußworten von den Herren Iwan Uschatschew und Florian Amersdorffer, Projektleiter des Deutsch-Russischen Agrarpolitischen Dialogs, eröffneten die Herren die Sitzung und unterstrichen die Relevanz der Entwicklung der ländlichen Räume für die gesamte Gesellschaft und gingen kurz auf die zu beobachteten Veränderungen hinsichtlich der Trends in der Bevölkerung in den vergangenen Jahren ein.

Unter dem Titel „Deurbanisierung in Russland: ein Gebot der Zeit oder gesellschaftliche Erfindungen?“ erläuterte Prof. Dr. Alexander Petrikow anschaulich den seit der Corona Pandemie zu beobachtenden Trend zur Umkehr der Landflucht. Zwar stelle die Landflucht aufgrund fehlender Perspektiven und Arbeitsangebote in Russland nach wie vor ein großes Problem dar, dennoch zieht es viele junge Leute seit der Corona Pandemie auf das Land zurück. Dies zeige z.B. der Wert von Immobilien auf dem Land in einigen Regionen, der im letzten Jahr ein Plus von 40% genierte. Gründe dafür seien zum einen eine erhöhte Sicherheit vor dem Corona Virus, denn 95% der Infektionen treten laut Petrikow in Ballungsräumen auf. Außerdem sei das Gesundheitsbewusstsein junger Menschen in den vergangenen Jahren gestiegen und damit auch das Interesse an natürlichen Lebensmitteln. Während in den 90er Jahren eine Datscha als Erholungsort galt, steht heute die Erzeugung eigener ökologischer Lebensmittel im Vordergrund. Um diesen Trend nachhaltig zu fördern, bedarf es laut Petrikow mehr finanzielle Fördermittel. Eine Anpassung der bisher sehr stark auf Landwirtschaft und Export fokussierten nationalen Ernährungsdoktrin wäre ein Ansatz in die richtige Richtung, denn während die „reine Agrarpolitik“ und Städte große Summen an staatlicher Unterstützung erhielten, werde die ländliche Entwicklung im Vergleich dazu vernachlässigt.

Frau Auerbach, Leiterin der Unterabteilung für Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse im Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) und Expertin des Deutsch-Russischen Agrarpolitischen Dialogs referierte zum Thema „Gleichwertige Lebensverhältnisse im ganzen Land – Neue Wege der Regionalförderung“. In ihrem Vortrag erläuterte sie zunächst die Ansätze einer neuen aktiven Regional- und Strukturpolitik. Diese seien (1) die Aktivierung der Kräfte in den Kommunen sowie Unterstützung beim Infrastrukturausbau, (2) die Dezentralisierung von Behördenstandorten und Forschungseinrichtungen des Bundes und (3) eine gezielte Förderung sowohl der wirtschaftlichen Entwicklung als auch des sozialen Engagements. Sie stellte anschaulich neue Projekte des BMI dar wie z.B. das Programm Region, bei dem innovative Konzepte, Modellvorhaben und Forschungsprojekte der Regionalentwicklung gefördert werden. Das Projekt Better Promote zielt in erster Linie auf die Einbindung der Menschen vor Ort ab. Gemeinsam mit Praktikern aus Kommunen und Gemeinden werden ganzheitliche Konzepte entwickelt und im Laufe der Umsetzung begleitet. Wichtig für die Regionen sei in dem Zusammenhang ein niedrigschwelliger Zugang zu Regionalförderangeboten, betonte Auerbach.

Prof. Sergej Kisselew, Leiter der Abteilung für Agrarökonomie der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Moskauer Staatlichen Universität referierte zum Thema „Philosophische und wirtschaftliche Fragen der Beziehungen zwischen Stadt und Dorf unter den modernen Bedingungen Russlands“ und stellte dabei zunächst die frühe Sterblichkeit der Menschen auf dem Land fest. Dies habe verschiedene Gründe, so Kisselew. Zum einen sei die medizinische Infrastruktur nicht so gut ausgebaut wie in der Stadt, zum anderen führe Perspektivlosigkeit zu einer ungesunden Lebensart. Besonders wichtig sei deswegen die Schaffung von Einkommensquellen in ländlichen Regionen.

Als weitere Experten referierten Prof. Galia Akimbekowa, Direktorin des kasachischen Forschungsinstituts für Ökonomie des agroindustriellen Komplexes, Prof. Alexander Kostjaew, Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften, Prof. Anatolij Saiganow, Leiter der Abteilung für Organisation und Management des Instituts für Systemforschung im agroindustriellen Komplex der Nationalen Akademie der Wissenschaften von Belarus, Andrej Dalnow, Leiter des Zentrums für wirtschaftliche Expertise der Rosselhosbank, Sergej Pulnikow, Direktor der Agrofirma Rusitsch und Vorsitzender des Verwaltungsrats des Westsibirischen Verbandes der Erzeuger und Verarbeiter von Ökoprodukten „Bioprodukt“ sowie Gleb Tjurin, Experte der Staatsduma für die Entwicklung der kommunalen Selbstverwaltung und Innovation in den Regionen.

Es wurde eine Vielzahl an Problemen und Herausforderungen erörtert, die zwar teilweise individuell waren, im Großen und Ganzen aber in allen Ländern sehr ähnlich sind. Sowohl in Russland wie auch in Deutschland konnte während der Pandemie Zeit ein leichter Trendumkehr der Landflucht festgestellt werden. Junge Leute zog es vermehrt auf das Land zurück, denn dort gibt es mehr Raum und damit Sicherheit und noch bezahlbare Immobilien. Die Möglichkeit zum Anbau eigener Lebensmittel stellt einen weiteren Pluspunkt dar. Ebenfalls Konsens bestand unter den Experten, dass die Pandemie die Digitalisierung deutlich beschleunigt habe. Dass biete für den ländlichen Raum großes Potential.

Doch ob dieser Trend nach der Pandemie nachhaltig anhält, bleibt abzuwarten. Ein Punkt, der sicherlich dafürspricht, sind die weiter steigenden Mieten in den Großstädten. Sowohl in deutschen wie auch in russischen Großstädten sei es für viele Familien mittlerweile eine enorme Herausforderung, Eigentum zukaufen. Das wichtigste sei aber die Schaffung von Arbeitsplätzen und einer medizinischen, kulturellen und digitalen Infrastruktur im ländlichen Raum. Dem Ausbau der Infrastruktur – sowohl im Bereich der Digitalisierung, als auch im kulturellen, sozialen und ökonomischen Sektor – müsse weiterhin mehr Beachtung geschenkt werden.

Auch in diesem Jahre hat sich die traditionsreiche Veranstaltung der Nikonow-Lesung, die der APD seit vielen Jahren unterstützt, als wertvolle wissenschaftliche Plattform im internationalen Austausch für russische und internationale Wissenschaftler behauptet. Die Diskussionen über spezifische Maßnahmen und wirksame Instrumente für eine nachhaltige ländliche Entwicklung bringt für alle Seiten wertvolle Ideen und Perspektiven.