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RUNDER TISCH ZUM THEMA: "ENTWICKLUNG DES AGROTOURISMUS: PERSPEKTIVEN UND HERAUSFORDERUNGEN“

Am 29. April 2021 organisierte das Projekt „Deutsch-Russischer Agrarpolitischer Dialog" einen Runden Tisch zum Thema „Entwicklung des Agrotourismus: Perspektiven und Herausforderungen". Die Schwerpunkte der Veranstaltung waren unter anderem Entwicklung und Schaffung von günstigen Rahmenbedingungen für die Entwicklung des Agrotourismus auf föderaler, kommunaler und regionaler Ebenen, Schaffung von effektiven internationalen Instrumenten für den Erfahrungsaustausch auf dem Gebiet des Ökolandbaus und Agrotourismus, Rolle des Landwirts und seiner Familie bei der Entwicklung des Agrotourismus, die Rolle des Leiters in einer Gemeinde bei der Schaffung eines neuen Segments der Wirtschaft in den ländlichen Gebieten, die Beteiligung von Studenten an der Entwicklung der Clusterpolitik im Bereich des Ökolandbaus und des Agrotourismus. Die neuen touristischen Trends wurden von Vertretern der Politik, der Wissenschaft, der Regionen und von Projektexperten aktiv diskutiert.

Bei der Eröffnung der Veranstaltung betonte die stellvertretende Leiterin des Projektes APD und Moderatorin der Konferenz Tatjana Damm, dass die Entwicklung des nationalen Tourismus, insbesondere des Agrotourismus aktuell sei und im Zusammenhang mit dem Ökolandbau stehe.

In der Begrüßungsrede an die Konferenzteilnehmer erörterte Swetlana Maximowa, Mitglied des Agrarausschusses der Staatsduma der Russischen Föderation, Vizepräsidentin des Verbands bäuerlicher Betriebe und landwirtschaftlicher Genossenschaften Russlands (AKKOR), dass die Entwicklung des ländlichen Tourismus für landwirtschaftliche Erzeuger nicht unterschätzen dürfte. Dieser wirtschaftliche Sektor könnte das Leben in ländlichen Gebieten in Aufschwung bringen. Sie stellte ihre Vision von einem „Bauernpfad“ dar. In die Staatsduma sei ein Gesetzentwurf über den ländlichen Tourismus eingebracht. In der Novelle werde vorgeschlagen, den Begriff „Ländlicher Tourismus“ in der föderalen Gesetzgebung über die touristischen Aktivitäten zu definieren, die Leistungsbedingungen sowie die Befugnisse der Regierung zur Regelung und staatlichen Förderung von diesem Segment der touristischen Industrie zu bestimmen.

Die stellvertretende Leiterin der Abteilung für ländliche Entwicklung des russischen Landwirtschaftsministeriums Renata Bibarsova berichtete, dass die erste Lesung des in die Duma eingebrachten Gesetzentwurfs für den 19. Mai geplant sei. Das Gesetz unterscheide zwischen den Begriffen – „ländlicher Tourismus“ und „Agrotourismus“. Der Agrotourismus sei eng mit den Aktivitäten der landwirtschaftlichen Produzenten verbunden. Die Verabschiedung dieser Novelle sei besonders für die Entwicklung von staatlichen Fördermaßnahmen wichtig. Der Agrotourismus schaffe neue Arbeitsplätze für die Bevölkerung, erhöhe das Einkommen der Menschen auf dem Land. Für die Wirtschaft gäbe es Möglichkeiten für zusätzliches Einkommen und Investitionsaktivitäten im ländlichen Raum. Für den Staat seien die positiven Auswirkungen auf die Verbesserung der Infrastruktur, räumlichen Ausgleich der Bevölkerungsansiedlung und allgemein auf die sozioökonomische Entwicklung der ländlichen Gebiete der Gemeinden offenbar.

Die Vorsitzende der Krasnodarer regionalen öffentlichen Organisation „Förderung der ländlichen Wiederbelebung“ Zarema Fatikova machte die Konferenzteilnehmer mit den Erfahrungen der Region Krasnodar im Bereich des ländlichen (Agro-) Tourismus vertraut. In den Jahren 2004-2021 seien die regionalen Zielprogramme „Entwicklung des Tourismus“ im Bezirk Krymsk erarbeitet und umgesetzt worden. Im Jahr 2011 sei das langfristige regionale Sonderprogramm „Entwicklung des Ökolandbaus, der ökologischen Lebensmittelproduktion und des Agrotourismus in der Region Krasnodar in den Jahren 2013-2016“ verabschiedet worden. Das Zusammenwirken basiere auf Vereinbarungen über die sektor- und ortsübergreifende sowie internationale Zusammenarbeit im Bereich der Entwicklung des Agrotourismus. Der gegenseitige Austausch von erfolgreichen Erfahrungen sei eines der Instrumente der Entwicklung. Zur Unterstützung der ländlichen Initiativen in der Region Krasnodar würden Informationen, Beratung und Aus- und Weiterbildung bereitgestellt. Zu den wichtigsten Partnerprojekten gehöre u.a. International School of Agrotourism, deren Aktivitäten auf die Zielgruppe der landwirtschaftlichen Produzenten ausgerichtet seien. Jean-Francois Boisson, ein Praktiker auf dem Gebiet der Clusterfragen, CEO des Ingenierdienstleister Arteres, sei ebenfalls ein Partner des Programms zur Entwicklung des Agrotourismus in der Region Krasnodar "Park im Süden Russlands" geworden.

Jens Schaps, der APD-Experte, stellte den Konferenzteilnehmern den aktuellen Stand des Agrotourismus in der EU und in Deutschland, die Bedingungen für die Entwicklung einer erfolgreichen Strategie des Agrotourismus, die Unterschiede zwischen dieser Tourismusrichtung und anderen, die regionale Umsetzung von Projekten und Maßnahmen der staatlichen Förderung dar.

Je breiter das touristische Angebot auf dem Betrieb, desto größer der Anteil an der Wertschöpfung sei. Die Bruttowertschöpfung im deutschen Agrotourismus liege bei 900 Millionen Euro mit 17.000 Beschäftigten. Es gäbe immer noch Probleme mit jungen Mitarbeitern, deshalb müssten sie unterstützt und alternative Lösungen gefunden werden. Die Ausgestaltung der Fördermaßnahmen obliege ganz wesentlich den Regionen. Die neue Förderperiode ab 2023 lasse den Regionen einen noch größeren Spielraum, in ihren strategischen Plänen regionale Förderschwerpunkte zu setzten. Die öffentlich geförderten Investitionen in den Agrotourismus werden in Zukunft deutlich nachhaltiger werden, und sie müssten die umwelt- und klimaschonenden Aspekte einer Investition mindestens so deutlich herausstellen wie die ökonomischen.

Martin Schüßler, Abteilung für internationale Beziehungen, Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, informierte über die Entwicklung des Agrotourismus auf regionaler Ebene am Beispiel Bayerns und stellte fest, dass durch die Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene die Attraktivität von Regionen steige. Derzeit bieten knapp 4.000 Betriebe „Urlaub auf dem Bauernhof“ an. 45% der Betriebe seien dem landwirtschaftlichen Betrieb zugeordnet. 51% Betriebe werden im Haupterwerb geführt. Der Markenkern sei der Bauernhof: 80% der UadB-Betriebe betreiben aktiv Landwirtschaft, 6% seien Reiter-, Winzer- und Obsthöfe, Landhöfe seien 14%. Man siehe wachsende Professionalität und Steigerung bei Angebot, Qualitätsmanagement und Produktlinienorientierung und mehr Dachmarken-Marketing (Landesverband). Darüber hinaus werde die Aus- und Weiterbildung in Betracht gezogen. Im Seminar erkennen die Teilnehmer ihre Potenziale als Anbieter und finden individuelle Lösungen für ihren Betrieb. Sie entwickeln und erproben ein Unternehmenskonzept für Urlaub auf dem Bauernhof. Eine an den Betrieb angepasste Strategie gewährleiste nachhaltige Leistungsfähigkeit, Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit.

Zu den Trends gehören eine zunehmende Anzahl von Ferienbetrieben ohne aktive Landwirtschaft (Urlaub auf dem Bauernhof wird zu Urlaub auf dem Landhof), Qualitäts- und Marketinganforderungen, ein Mangel an Nachwuchs, die Verbreitung digitaler Technologien für Gast und die Nachfrage nach Urlaub auf dem Land aufgrund der Pandemie.

Die Leiterin des Referats für internationale Beziehungen der Staatlichen Agraruniversität Kuban (Stadt Krasnodar) Daria Tschurjanina bekundete ihr Interesse am Erfahrungsaustausch und berichtete über einige internationalen Aktivitäten, die in der Universität bereits umgesetzt werden. Die Studenten absolvieren ein sechs- oder zwölfmonatiges Praktikum in den landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland (Bayern) und in Spanien.

Larisa Skljarowa, Leiterin der Gemeinde Nowopawlowski, Gebiet Krasnodar, berichtete über das Projekt „Zu Gast bei Oma“. Es sei sehr wichtig, die Geschichte unserer Heimat und die Traditionen unserer Vorfahren zu kennen. Nachdem die Projektteilnehmer während einer Expedition 2182 Exponate gesammelt hatten, richteten sie ein interaktives Museum (eine traditionelle Hütte in der Region Kuban) ein. Die Gemeinde wurde in das Team „lokale Entwicklung“ aufgenommen (sektorübergreifende Entwicklung und Zusammenarbeit zwischen der Regierung, dem Nonprofit-Sektor und den Forschungs- und Bildungsorganisationen). Die Gemeinde arbeite aktiv an der Entwicklung des ländlichen Raums durch den ländlichen Tourismus, da der ländliche Tourismus in der Entwicklungsstrategie der Region Krasnodar bis 2030 als eine vielversprechende Branche für den ländlichen Raum angesehen wird.

Oleg Mironenko, Vizepräsident des Nationalen organischen Verbandes Russlands, stellte fest, dass 20 bis 30 % aller reisenden Touristen (etwa 700 Millionen Menschen) den ländlichen oder Agrotourismus bevorzugen. Die Studien zeigen, dass die Verpflegung und u. a. Bio-Angebote in der Gastronomie als Entscheidungskriterien für das Urlaubsziel seien. Oleg Mironenko lieferte interessante Fakten über die Entwicklung des ländlichen Tourismus und des Ökolandbaus. So gäbe es in Europa etwa 500 Tausend landwirtschaftliche Betriebe, die sich mit Agrotourismus beschäftigen, und genauso viele auf dem Gebiet des Ökolandbaus.

Die Teilnehmer der Konferenz waren einstimmig der Meinung, dass der ländliche Tourismus und der Agrotourismus das Einkommen und die potenzielle wirtschaftliche Lebensfähigkeit kleiner landwirtschaftlicher Betriebe verbessern können, und betonten, es sei wichtig, Wissen und gesammelte Erfahrungen auszutauschen, um Projekte in Russland umzusetzen.