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Podiumsdiskussion zum Thema Ökologische Aquakultur im Rahmen der DLG RUS - Messe AGROS

Am 18. Mai 2021 organisierten der Nationale Ökolandbauverband, die Föderale Agentur für Fischerei Russlands (ROSRYBOLOVSTVO) und das Landwirtschaftliche Kompetenzzentrum der staatlichen Haushaltsbildungseinrichtung YAGSKhA mit Unterstützung des Deutsch-Russischen Agrarpolitischen Dialogs eine Podiumsdiskussion rund um das Thema Ökologische Aquakultur. Die AGROS Messe bot eine ideale Plattform für den physischen und digitalen Austausch unter Experten und Fachpublikum. Die Moderation des Forums übernahmen der Vorsitzende des Nationalen Ökolandbauverbands Oleg Mironenko und Alexej Malyschenko, Leiter der Abteilung für Wissenschaft und Aquakultur der Russischen Bundesagentur für Fischerei ROSRYBOLOVSTVO.

Vor dem Hintergrund der seit einigen Jahren vermehrten Berichte über die fatalen Folgen der Aquakultur für das Ökosystem durch den Fang von Wildfisch für Fischfutter und das Eindringen von Chemikalien, Nahrungsresten, Fischkot und Antibiotika aus den offenen Netzkäfigen in die Flüsse und Meere, gewinnt die ökologische Aquakultur zunehmend an Bedeutung. Sie steht erst am Anfang ihrer Entwicklung, d.h. es ist kaum Fachwissen über den ökologischen Produktionsprozess vorhanden, Richtlinien und Standards sind nicht festgelegt oder lückenhaft, und das Zertifizierungswesen hat sich in diesem Bereich noch kaum entwickelt. Es bestehen noch viele Herausforderungen in der gesamten Prozesskette, vom Anbau über den Transport bis zur Verarbeitung und die Lieferung. Die Nichtverwendung von Pestiziden, chemischen Düngemitteln und Antibiotika stellen die Branche vor neue Problemstellungen.

Hier setzte das Forum zur Ökologischen Aquakultur an, auf dem eine Reihe von Experten Ihr Fachwissen über den aktuellen Stand sowie Lösungsvorschläge präsentierten und diskutierten. Die Veranstaltung fand im Hybridformat statt. Ein Teil der Speaker war vor Ort auf dem Messegelände in Moskau anwesend, während der andere Teil online zugeschaltet war.

Herr Alexej Malyschenko präsentierte im ersten Vortrag die aktuellen Herausforderungen, mit denen sich die Aquakultur in Russland konfrontiert ist. Anschließend berichtete Herr Mironenko von seinen internationalen Erfahrungen und welche Entwicklungsmöglichkeiten Russland habe. Aufgrund von technischen Störungen wurde die Zuschaltung von Herrn Holler auf den hinteren Teil der Diskussionsrunde verlegt. Es folgten zunächst weitere Beiträge von Herrn Lasar Taufik, Generaldirektor von CRAFT TAU LLC zum Thema „Herstellung von Bioprodukten in der industriellen Aquakultur“, von Frau Lina Lagutkina, Professorin der Staatlichen Technischen Universität Astrachan zum Thema „Erfahrung des Übergangs von Teichfarmen in der Region Astrachan zur ökologischen Aquakultur“ sowie von Frau Anna Belaya, führende Markenmanagerin der Azbuka Vkusa-Kette zum Thema „Erfahrung im Verkauf von Bio-Produkten in der Azbuka Vkusa-Kette, Marktbedürfnisse für solche Produkte, einschließlich Bio-Fischzuchtprodukte“.

Als erster internationaler Speaker referierte Herr Dr. Stefan Holler anschließend über die „Aquakultur in der Produktion von Bio-Produkten ". Seit 2018 ist Dr. Holler Aquaculture Manager für Control Union und zuständig für alle Themen im Zusammenhang mit der ökologischen Aquakultur. Er stellte zunächst die NonProfit Organisation Naturland e.V. vor. Naturland e.V. hat sich zum Ziel gesetzt, die ökologische Landwirtschaft weltweit voranzubringen. Sie zählt zu einer der größten Öko-Verbände mit weltweit über 100.000 Mitgliedsbetrieben und einer kultivierten Fläche von über 540.000 Hektar, sowie 800 verarbeitende Betriebe in 60 Ländern. In Deutschland sind knapp 4.000 landwirtschaftliche Erzeuger Mitglied bei Naturland e.V. Die zertifizierte Produktpalette ist breit: von Kaffee über tropische Früchte bis zu Honig, von Gemüse über Gewürze bis zu Fisch aus Aquakultur. NATURLAND ist ein privater Zertifizierer und zertifiziert die gesamte Wertschöpfungskette: vom Landwirt bis zur Ladentheke oder Restaurant.

Naturland e.V. gilt in Deutschland unter den Bioverbänden als Vorreiter in der Aquakultur. Der Verein entwickelt seit Mitte der 90er Jahre Empfehlungen für Richtlinien für eine ökologische Aquakultur und implementierte Pilotprojekte in Deutschland und weltweit. Holler stellte anschließend die verschiedenen Produktionssysteme in der Aquakultur bildlich dar. Dazu zählen Teiche, Netzgehege, Fließkanäle, Teil- oder Vollkreislaufanlagen. Je nach Kombination von Produktionsfaktoren und verfolgten Absatzstrategien unterscheidet sich die Profitabilität von Produktionssystemen in der Aquakultur erheblich. Die häufigsten Fischarten, die in den Anlagen gemästet werden, sind Forellen und Lachse.

Herr Holler berichtete, dass die derzeitigen EU-Produktionsregeln für die ökologische Aquakultur eine Öko-Auslobung von Fisch und Meeresfrüchten aus Kreislaufanlagen explizit ausschließen. Jedoch werden nach jüngsten technischen Entwicklungen zur Aquakulturproduktion immer häufiger geschlossene Kreislaufsysteme eingesetzt, die zwar externen Input (Energie) erfordern, bei denen aber kaum Abwasser anfällt und aus denen Zuchtfische nicht entkommen können. Daher sei ein Ausschluss der Kreislaufsysteme aus der Öko-Zertifizierung für viele Ökolandbau-Experten angesichts der Schonung der Umwelteinflüsse, nicht mehr nachvollziehbar, so Holler. Die weltweite Erhöhung der Produktion gerät zunehmend mit Zielen des Umwelt- und Naturschutzes in Konflikt. Genau diese Ziele versucht der ökologische Ansatz in seinen Grundprinzipien gerecht zu werden. Herr Holler stellte diese anhand eines Schaubilds übersichtlich dar. Grundsätzlich dürfen von ökologisch zertifizierten Betrieben keine oder nur geringstmögliche Belastungen für die Umwelt ausgehen.

Zu den wesentlichen Faktoren zählen

  • Nachhaltig produzierte Bio-Futtermittel:
    • weitest gehender Verzicht auf den Einsatz von konventionellem Fischmehl
    • kein Einsatz von Hormonen oder synthetischen Stoffen
    • zertifiziertes Öko-Fischfutter aus der ökologischen Landwirtschaft
    • gentechnikfreie Futtermittel
    • die Begrenzung der Besatzdichte
    • Begrenzung von medizinischen Behandlungen
    • Verbot des Einsatzes von Kunstdünger
    • Verbot des Einsatzes von synthetischen Herbiziden und Pestiziden

Grundsätzlich muss für die Bio-Zertifizierung auch die Verarbeitung der Fische nach den Bio-Prinzipien ablaufen (z.B. Beschränkung von Zusatzstoffen („E-Nummern“). Herr Holler ergänzte, dass für Naturland e.V. unter einem ganzheitlichen Ansatz der Nachhaltigkeit auch die soziale Verantwortung und der soziale Umgang mit den Menschen, die auf den Betrieben arbeiten und lebe, gehöre.

Zum Schluss seiner Präsentation beschrieb Herr Holler die größten Herausforderungen für die Zukunft der ökologischen Aquakultur. Diese seien die Bereitstellung von Anreizsystemen für Landwirte, sich für eine Zertifizierung zu entscheiden, eine ausreichend kompetente Beratung von Landwirten in Bezug auf ökologische Produktionstechniken, die Weiterentwicklung technisch-wissenschaftlicher Fragestellungen sowie eine größere Nachfrage des Marktes. Der Bio-Markt müsse weiter stabilisiert und gefördert werden. Abschließend betonte Herr Dr. Holler, für weitere Fragen von Interessenten auch im Nachgang der Veranstaltung gerne zur Verfügung zu stehen.

Im Anschluss an den Vortrag von Herrn Holler, stellte Herr Sergey Bondarev, führender Spezialist für Standardisierung, Zertifizierung und Qualität von der LLC Organic Standard aus der Ukraine als zweiter internationaler Speaker die Branche in der Ukraine vor. Er stellte fest, dass es viele Parallelen zu Deutschland gebe, die Ukraine aber grundsätzlich noch weiter am Anfang der zertifizierten ökologischen Produktion von Fisch stehe.

Der Deutsch-Russische Agrarpolitische Dialog stellte zum ersten Mal zu diesem Thema einen Experten auf einer Podiumsdiskussion. Die zunehmende globale Bedeutung der Aquakultur und die immer größer werdenden Umweltbelastungen zeigen deutlich, dass die Relevanz der ökologischen Produktionsweise weiter zunehmen wird. Das rege Interesse an den Vorträgen auf dieser Veranstaltung ist nur ein Beleg dafür. Im übergeordneten Rahmen diente die Maßnahme zur Evaluierung von thematischen Schnittmengen zwischen deutschen und russischen Partnern, insbesondere in Wirtschaftskreisen sowie in Wissenschaft und Forschung. Der APD wird daher zukünftig Projektaktivitäten auf dem Gebiet der ökologischen Aquakultur weiter fördern.