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Workshop „Vermarktung landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Erschließung neuer Absatzwege anhand der praktischen Beispiele“

Am 15. Dezember veranstaltete der Deutsch-Russische Agrarpolitische Dialog einen Online Workshop zum Thema „Vermarktung landwirtschaftlicher Erzeugnisse - Praktische Umsetzung am Beispiel der Elbe-Obst Erzeugerorganisation r. V“.

Die Moderatorinnen Dr. Tatjana Damm, Deutsch-Russischer Agrarpolitischer Dialog, und Dr. Oxana Awtonomowa, stellv. Geschäftsführerin des Verbands bäuerlicher Betriebe und landwirtschaftlicher Genossenschaften Russlands (AKKOR), begrüßten die Teilnehmer der Veranstaltung. Anhand des Praxisbeispiels einer deutschen Erzeugerorganisation soll den russischen Teilnehmern ein Vermarktungsweg von Kernobst dargestellt werden.

Herr Dr. Jens Schaps, Direktor in der Generaldirektion Landwirtschaft und ländliche Entwicklung der EU-Kommission a.D. und Experte des DBV, eröffnete den Workshop mit einer kurzen Zusammenfassung der wesentlichen Herausforderungen in der Agrarwirtschaft im Jahr 2020. Die COVID-19 Pandemie stelle auch die Agrarbranche vor viele neue Herausforderungen, über die bereits hinreichend in den letzten Monaten diskutiert wurden. Weiterhin machte der erstmalige Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest (ASP) in einem Wildschweinebestand in Deutschland dem gesamten Schweinemarkt stark zu schaffen. Herr Dr. Schaps ging des Weiteren auf den schwierigen Witterungsverlauf, der Druck auf die Landwirte durch die neue Düngeverordnung sowie die Ungewissheit über die Folgen des Brexit ein. Er betonte, wie wichtig ein geregeltes Abkommen sowohl für die deutschen wie auch für die britischen Landwirte sei.
Anschließend stellte Herr Schaps aber auch positive Entwicklungen heraus. So fiel die Obsternte in diesem Jahr durchschnittlich gut. Außerdem schaffe die Einigung in Brüssel im Rahmen der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik (GAP) über die Agrarfinanzierung für die nächsten sieben Jahre Planungssicherheit und führe zu einer nachhaltigeren und ressourcenschonenden Landwirtschaft. Die allgemeine Stimmung unter den europäischen Landwirten sei nicht so schlecht, wie sie in den Medien vermittelt werde, so Schaps. Dies sei durch eine durchaus positiv vorhandene Investitionsbereitschaft vieler Landwirte erkennbar.

In der anschließenden Präsentation veranschaulichte der Geschäftsführer der Elbe-Obst Erzeugerorganisation r. V. Herr Ulf Wittlich die Vermarktung von Kernobst am Beispiel seiner Erzeugerorganisation. Im Jahr 1968 gründeten 207 Erzeuger in Kooperation mit 97 Fruchthändlern die Erzeugerorganisation (EO) Elbe-Obst zur Konzentration eines Absatzkanals auf der Beschaffungsseite. Seit 1998 konnte die EO ihren Umsatz, der in erster Linie aus dem Verkauf von Äpfeln generiert wird, von 45 Mio. € auf 135 Mio. € im Jahr 2018 steigern. Die EO wird heute von 280 Erzeugern aus der Region Niederelbe beliefert und vermarktet jährlich rund 150.000 bis 190.000 t Kernobst.

Um als Erzeuger bei der EO Mitglied zu werden, bedarf es ein einmaliges Eintrittsgeld von 540 EUR pro Hektar. Die Vereinssatzung regelt die Pflicht zu konkreten Anlieferungsbedingungen der Ware sowie zur Abgabe notwendiger Informationen wie z.B. die Einlagerungsmeldung. Des Weiteren legt die Vereinssatzung die Kosten für die Erzeuger fest, die sich aus einer mengen- und preisabhängigen Erzeugergebühr sowie aus Gebühren für Dienstleistungen zusammensetzen.

Herr Wittlich hob den entscheidenden Vorteil der Arbeitsteilung bei einer Mitgliedschaft hervor. Während sich die Erzeuger auf die Qualität ihrer Produkte fokussieren und die Anbau- und Erntekosten optimieren können, kümmere sich die EO um die Sortierung, Vermarktung und den Verkauf. Herr Wittlich betonte hierbei die Relevanz der Qualitätsklasse für Äpfel in Deutschland. Die Preisdifferenz zwischen der Einstufung Handelsklasse I und Handelsklasse II sei enorm. Zudem seien die Qualitätsanforderungen durch den LEH in den letzten Jahren stark gestiegen. Das Qualitätsmanagement einschließlich des Vorhaltens von Rückstellmuster zur Kontrolle von Pestizideinsätzen und Herkunft stelle einen enormen Aufwand für die Erzeuger dar. Durch die Bündelung bei der EO wird dieser Aufwand minimiert und schafft Transparenz entlang der Wertschöpfungskette.

Ein weiterer attraktiver Grund für eine Mitgliedschaft in der EO ist die Förderung für Investitionen. So werden u.a. neue Bäume, Pflanzenschutzgeräte oder Ernteversicherung bis zu 50% bezuschusst. Diese Fördermittel stammen von öffentlichen Mitteln. Die zuständige Behörde kontrolliert deshalb die Nutzung der von den Subventionen finanzierten Anschaffungen.

Herr Wittlich zeigte auf, wie sich die EO in den vergangenen Jahren zu einem Full-Service Dienstleister des Lebensmitteleinzelhandels (LEH) entwickelt habe und die Produkte direkt an den LEH vertreibe. Die zunehmende Marktmacht und Konzentration des LEH hat viele Erzeuger jedoch in eine Abhängigkeitssituation gezwängt. Deshalb strebe die EO eine exportorientiertere Strategie an. Ihr Ziel sei es, bis zum Jahr 2030 25 % ihres Umsatzes in Nicht-EU-Staaten zu tätigen. Aufgrund diverser Herausforderungen wie z.B. Handelsbeschränkungen durch phytosanitäre Handelshemmnisse sei dieses Ziel laut Herrn Wittlich jedoch ehrgeizig gesetzt. Deshalb habe die EO für eine zukunftsorientierte Positionierung im Markt einen innovativen Weg beschritten. Zusammen mit sechs weiteren deutschen EO wurde eine neue Apfelsorte mit dem Namen „Fräulein“ gezüchtet und bereits mehr als 400.000 Bäume gepflanzt. Mit der Etablierung der Premiummarke ziele die EO auf eine erhöhte Wertschöpfung für die Erzeuger.

Im anschließenden Meinungsaustausch diskutierten die russischen Teilnehmer mit Herrn Wittlich u.a. über die Absatz- und Preisgarantien. Herr Wittlich bestätigte, dass der Absatz der Äpfel zwar gesichert sei und es gegenüber den Erzeugern ein „moralischen Absatzversprechen“ gebe. Kommt es allerdings zu einer Überproduktion, muss diese auf Kosten der Erzeuger vernichtet werden. Eine Preisgarantie gibt es hingegen nicht und Preissprünge kommen immer wieder vor.
Auf Nachfrage eines Teilnehmers, wie die EO ohne die Realisierung von Handelsgewinnen die Löhne ihrer Mitarbeiter zahle, betonte Herr Wittlich, dass diese in den Gebühren einkalkuliert seien. Die EO habe im Gegensatz zu einer GmbH keine Gewinnerzielungsabsicht, die Rendite gehe direkt an die Landwirte. Er ergänzte, dass sich die EO aus einem hohen Anteil an Fremdkapital finanziere, dass seit einigen Jahren zu sehr günstigen Konditionen am Markt zu erhalten sei.
Abschließend wird die Frage nach der Haftung bei einer Insolvenz angesprochen. Herr Wittlich erläutert, dass die EO nicht haftet, wenn ein Mitglied insolvent ist. Offene Forderungen von Gebühren gegenüber diesem Landwirt müssen dann abgeschrieben werden. Andersherum haftet der Erzeuger auch nicht, wenn die EO Insolvenz anmeldet. Er verliere dann seinen einbezahlten Mitgliedsbeitrag von 540€/ha.

Zum Abschluss dankte Dr. Schaps dem APD für die Organisation und Herrn Wittlich für seinen interessanten Beitrag. Auch die Teilnehmer dankten dem Referenten und betonten, dass man für diesen wertvollen Erfahrungsaustausch sehr dankbar sei. Frau Dr. Damm und Frau Dr. Awtonomowa fassten zusammen, dass sich viele der angesprochenen Herausforderungen bei der Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte in Form einer Erzeugerorganisation oder Genossenschaft auf dem deutschen und russischen Markt ähnelten und man gleichzeitig viel voneinander lernen könne. Eine Fortführung der Dialogreihe wird von beiden Seiten angestrebt.