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Föderales IT-Forum "Smart Agro"

Am 6. Oktober 2020 fand in Moskau das 2. Föderale IT-Forum „Smart Agro: Digitale Transformation in der Landwirtschaft“ statt. Die Veranstaltung wurde in einem gemischten Format organisiert – einige der Teilnehmer waren direkt am Veranstaltungsort anwesend, weitere online zugeschaltet.

Das Forum "Smart Agro: Digitale Transformation in der Landwirtschaft" bestätigte die Bedeutung des Dialogs zwischen Wirtschaft und Staat. Es wurde zu einer Plattform für den Erfahrungsaustausch zu Schlüsselthemen und aktuellen Herausforderungen der Digitalisierung in der russischen Agrarwirtschaft. Besonderes Augenmerk wurde auf innovative Technologien und die Entwicklung von Ansätzen zur Umsetzung von IT-Projekten unter Beteiligung von Agrarunternehmen, IT-Entwicklern und staatlichen Stellen in der neuen wirtschaftlichen Situation gelegt.

Das Forum wurde von der Informationsgruppe (IG) ComNews organisiert. An der Veranstaltung nahmen ca. 1.200 Vertreter großer Unternehmen aus der Landwirtschaft und Ernährungswirtschaft, bäuerlicher Betriebe, Aufsichtsbehörden und Verwaltung, staatlicher Einrichtungen und Entwicklungsfonds, Entwickler von IT-Lösungen und Telekommunikationstechnologien, Telekommunikationsbetreiber, Branchenmedien, Analysten sowie Branchenexperten teil.

Das Smart Agro-Forum wurde von der russischen Online-Plattform der Agrarmesse "Goldener Herbst", der Holding "Roselectronics", der State Corporation Rostech, dem Agrarministerium des Autonomen Kreises der Jamal-Nenzen, dem Verband Internet der Dinge, dem Sonderwirtschaftsgebiet für IT und Technologien "Innopolis"[1], der gemeinnützigen Partnerschaft RUSSOFT, der GlobalCIO | DigitalExperts, sowie von der Internationalen Telekommunikationsakademie (IAS)[2] unterstützt.

In der Plenardiskussion wurden die aktuellen Fragen im Zusammenhang mit der digitalen Transformation in der Agrarwirtschaft erläutert. Die Plenarsitzung wurde von Leonid Konik, Generaldirektor und Chefredakteur der ComNews Group, geleitet.

Der Deutsch-Russische Agrarpolitische Dialog nahm am Panel „Digitale Lösungen für einen technologischen Durchbruch in der Agrarwirtschaft. Precision Farming“ mit einem Fachbeitrag teil. Bei der Panel-Sitzung wurden ausgewählte Beispiele digitaler Lösungen auf einzelbetrieblicher und regionaler Ebene erörtert, die einen Beitrag zur technologischen Entwicklung des Pflanzenbaus leisten sollen. Moderiert wurde das Panel von Sergej Kosogor vom Technologietransferzentrum an der Moscow Higher School of Economics.

Alexej Aljochin, Leiter der Abteilung für Entwicklung und Management von Informationsressourcen im Landwirtschaftsministerium der Region Altai, stellte die regionale digitale Agrarverwaltungsplattform der Region Altai vor und berichtete über die Erfahrungen mit deren Umsetzung und Entwicklungsplänen. Die regionale digitale Plattform IS RESPAK soll eine Bereitstellung staatlicher Dienstleistungen für Landwirte (Subventionen) sowie die Vorbereitung hierfür relevanter Dokumente optimieren. Darüber hinaus beinhaltet die Plattform einen Service zur Pflege der digitalen Profile von landwirtschaftlichen Erzeugern, einen weiteren Service zum Monitoring der Nutzung landwirtschaftlicher Flächen, zur Tiererkennung außerdem eine Schnittstelle zur digitalen Plattform Regagro sowie auf der Grundlage einer mobilen Anwendung einen digitalen Service zur Benachrichtigung von Imkern über bevorstehende chemische Feldbehandlungen. Derzeit wird in der Region Altai die Plattform von über 2.500 Erzeugern genutzt.

Igor Gul, IT-Direktor im Agrarunternehmen „APH Öko-Kultura“, berichtete in seinem Vortrag über das Agro IoT-Ökosystem und die Zusammenarbeit mit Telekommunikationsbetreibern. Die Agrarholding sei führend in der umweltfreundlichen Erzeugung von Gewächshausgemüse in Russland. Das Agro IoT-Ökosystem basiert auf der Internet of Things-Technologie und erfüllt eine Reihe von Funktionen, darunter im Management von Gewächshäusern und bei der Schaffung eines Mikroklimas, bei Luftaufnahmen und Analysen des Zustands der Gewächshäuseroberflächen, im Monitoring der Gemüselagerung, beim Bewegungsmonitoring von Transportfahrzeugen, bei der Rückverfolgung von Fertigprodukten sowie in der Videoüberwachung und -analytik. Das "Portfolio" der „APH Öko-Kultura“ umfasst auch ein Pilotprojekt auf der Basis von LPWAN (Low Power Wide-Area Network) in der Zusammenarbeit mit einem führenden russischen Mobilfunkbetreiber.

Andrej Tschernogorow, Mitbegründer von „Cognitive Pilot“, informierte über den Einsatz künstlicher Intelligenz zur Steuerung landwirtschaftlicher Geräte. Eine innovative inländische Entwicklung, das System für künstliche Intelligenz zur Steuerung von Erntemaschinen „Cognitive AgroPilot“ sei ein wirksames Instrument zur Verbesserung der Erntequalität und zur Reduzierung der Ernteverluste. Das System zeichne sich durch vollständige Autonomie, einfache Installation, Nutzung und Wartung aus. Das System wurde bereits in einer Reihe von landwirtschaftlichen Unternehmen implementiert, darunter auch in großen landwirtschaftlichen Betrieben.

Oleg Alexandrow, Projektleiter für innovative Technologien im Landtechnikunternehmen „Rostselmash“ (RSM) fokussierte sich in seinem Beitrag auf die Entwicklung digitaler Produkte von Rostselmash, einschließlich Bildverarbeitungstechnologien, künstlicher Intelligenz, Big-Data-Analyse und autonomer Maschinen (Projekt „Autonomer Betrieb“, autonomes Steuerungssystem „Agrotronic Pilot“ für landwirtschaftliche Geräte, RSM „Nachtsichtsystem“, RSM „Smart Label“ (Passive RFID-Transponder u.a.) und erläuterte die Besonderheiten dieser technischen Lösungen.

Über die Entwicklung moderner sicherer automatisierter und unbemannter Systeme für die Landwirtschaft gemäß der Norm ISO 25119 sprach Pavel Brook, Regionaldirektor des Unternehmens ANSYS S & PBU für Russland, GUS, Naher Osten und Afrika. ANSYS bietet eine Simulationsplattform für physikalische Vorgänge, einschließlich der Bereiche Mechanik, Dynamik, Akustik, Optik u.a. Eines ihrer Arbeitsfelder ist eine multiphysikalische Plattform zur Automatisierung des gesamten Zyklus von der Projektierung über das Testen bis zur Zertifizierung unbemannter Transport- und Fahrassistenzsysteme (ADAS). Die Implementierung unbemannter Systeme in die breite Praxis erfordert eine große Anzahl an komplexen Technologien. Dabei spielt die Gewährleistung des erforderlichen Sicherheitsniveaus eine wichtige Rolle, wofür das Instrument ANSYS medini implementiert wurde. Laut ANSYS liegt die Zukunft der Entwicklung intelligenter Transportsysteme in der weltweit verbreiteten Verwendung von Simulationen, die den Prozess des Testens und der Implementierung verbessern dürften.

Denis Schukowsky, Bereichsleiter für Agrarprojekte bei „Rostelecom“, präsentierte einige digitale Services seines Unternehmens für die Agrarwirtschaft. Dazu gehört ein digitales Monitoringsystem für landwirtschaftliche Flächen auf der Basis eines neuronalen Netzes unter Verwendung von Satellitendaten, das die Bestimmung von Ackerflächen in einer Region mit einer Erkennungsgenauigkeit von 93 - 95% gewährleistet, die Flächenklassifizierung berücksichtigt und einzelnen Feldern verschiedene Daten wie Wetter, Relief, Feldfrucht, Energiebilanz, NDVI, Ausgangsbilder usw. zuordnen kann. Somit können Veränderungen der Grenzen von Wäldern, Feldern, Siedlungen und Gewässern für ausgewählte Zeiträume abgebildet werden. Ein weiterer Service besteht in einem System zur Überwachung der Bewegung der Erntemengen, mit dem die Erntemengen in allen Phasen auf dem Weg vom Feld zum Lager erfasst werden, technologische Erntevorgänge gesteuert werden und die digitale Dokumentation von Logistikvorgängen aufgezeichnet wird. Hierdurch sollen die Rückverfolgbarkeit beim Transportprozess landwirtschaftlicher Erzeugnisse, eine Kostensenkung sowie Erhöhung der Qualität bei Logistikprozessen erreicht werden.

Sachar Sawjalow, technischer Direktor von GeosAero, referierte über die digitale Kartierung landwirtschaftlicher Flächen mit unbemannten Flugzeugen. Auf diesem Gebiet arbeitet sein Unternehmen in den drei Bereichen Flächeninventur, Erstellung von Arbeitsaufträgen für die teilflächenspezifische Anwendung von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln sowie Ertragsanalyse von Hackfrüchten auf Basis der AgroFlot-Plattform. Die Ertragsanalyse wurde am Beispiel von zwei Kulturen - Zuckerrüben und Kartoffeln - dargelegt.

Artjom Beljajew, Generaldirektor von Belaja Datscha Farming, erläuterte die digitalen Projekte der Belaja Datscha Group of Companies. "Belaja Datscha Farming" GmbH ist ein Pilotprojekt für den Aufbau eines modernen digitalen Agrarunternehmens. Das Unternehmen implementiert GLOBALG.AP-Standards für die Produktion und Lagerung von Agrarerzeugnissen sowie IT-Standards für die Verwaltung und Entwicklung von ITIL-Systemen (Infrastrukturbibliothek für Informationstechnologien). Das angestrebte Ziel des Vorhabens bestehe im Aufbau eines einheitlichen Systems zur Entscheidungsunterstützung im Unternehmen auf der Basis folgender Elemente: intelligente Bewässerung, Precision Farming, Ressourcenplanung, Buchführung und Controlling, intelligente Datenspeicherung, digitale Produktverkaufsplattform (GrainChain-Market Place).

Andrej Paschonin, IT-Entwickler in der Filiale von „Rosselchoscentr" der Republik Tatarstan, thematisierte die Digitalisierung bei der Bereitstellung von "Basisdaten" für Entscheidungen in der Pflanzenproduktion am Beispiel der Überwachung von Pflanzengesundheit und Saatgutqualität. "Rosselchoscentr" sei das größte agronomische Netzwerk in Russland mit dem Schwerpunkt Dienstleistungen im Bereich Pflanzenschutz. Zu diesem Zweck wird das Projekt „Digitales phytosanitäres Monitoring“ durchgeführt, das auch mit Hilfe von mobilen Apps eine räumliche und zeitliche Analyse des phytosanitären Zustands liefert, das Auftreten von Schadorganismen meldet, Behandlungsempfehlungen abgibt, ein Monitoring des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln aufzeichnet und Maßnahmen in der Unkraut-, Schädlings- und Pflanzenkrankheitsbekämpfung durchführt, sowie eine digitale Umgebung für die Interaktion schafft. Das zweite laufende Projekt sei das „AgroSemExpert“-System zur laufenden Überwachung der Saatgutqualität. Dieses System sei für landwirtschaftliche Betriebe zugänglich, biete eine automatisierte Abwicklung von Verfahren zur Bestimmung der Saatgutqualität sowie die Ausstellung elektronischer Saatgutzertifikate an, enthalte aktuelle Marktdaten zum Saatguthandel und führe für die zuständigen Stellen im Landwirtschaftsministerium eine fortlaufende Analyse durch. Der Zugriff auf das System sei über Mobiltelefone und jegliche mobile Geräte möglich.

Internationale Erfahrung aus Deutschland im Bereich der praktischen Einführung von Precision Farming-Technologien stellte der Experte des Deutsch-Russischen Agrarpolitischen Dialogs Herbert Lisso, Geschäftsführer des Agrarbetriebes «Neuseeland» und deutscher Innovationspreisträger Precision Farming 2010, in seinem Online-Vortrag über seine Erfahrungen aus 25 Jahren Precision Farming vor.

Die nachhaltige Bewirtschaftung in Deutschland beinhalte u.a. die Erhaltung landwirtschaftlicher Flächen in einem guten landwirtschaftlichen und ökologischen Zustand. Unter diesem Gesichtspunkt sind Precision Farming Technologien sehr vielversprechend, da in ihrer Anwendung in der Landwirtschaft noch großes Potenzial bestehe, besonders im Hinblick auf die Prioritätensetzung beim Management und in der Fachausbildung in den Bereichen Pflanzenbau und Digitalisierung. Die Verknüpfung von pflanzenbaulichen Zusammenhängen und digitaler Umsetzung sei sehr wichtig und diene der Aufklärung von Entscheidungsträgern und der Schulung von Anwendern. Darüber hinaus werde mit „Precision Farming“ der Hauptforderung deutscher Agrarpolitik im Hinblick auf eine höhere Transparenz und Umweltverträglichkeit der konventionellen Landbewirtschaftung entsprochen.

Die Anbauintensität sei so zu gestalten, dass sich durch standortangepasste Erträge und Preise bei minimalen Kosten ein maximaler Beitrag zum Betriebsergebnis ergebe. Jeder zusätzliche Aufwand an Dünger und Pflanzenschutzmitteln sowie agrotechnischen Maßnahmen sollte zu nachhaltigen, rentablen Mehrerträgen bzw. Qualitätsverbesserungen führen. Die deutsche Erfahrung im Weizenanbau zeigt, dass hierfür folgende Faktoren berücksichtigt werden müssten: (1) Produktionskosten und Marktbedingungen, (2) natürliche Standortbedingungen, (3) Sorten, Ertragspotenzial und Qualität, (4) Resistenzen gegen Krankheiten, Schädlinge usw., (5) Umweltauflagen, (6) optimales Produktionsverfahren (von der Bodenbearbeitung bis zur Vermarktung), sowie (7) ein hoher Anteil von Marktwaren.

Es gebe zahlreiche praxiserprobte Möglichkeiten der satellitengestützten Technik und Arbeitsorganisation in einem Lohnbetrieb, die mit Hilfe von Precision Farming-Systemen unterstützt werden und entsprechend positive wirtschaftliche Effekte zeitigen. Die wirtschaftlichen Effekte des „Precision Farming“ im Betrieb des Experten (1.600 ha, Erträge Winterweizen 85 dt/ha, Raps 45 dt/ ha, Zuckerrüben 800 dt/ha) betragen seinen Angaben zufolge bis zu 100 Euro je Hektar und Jahr.

Neben den Vorteilen der Betriebsmitteleinsparung, Ertragssteigerung und Transparenz bekomme das Bestandsmanagement der Kulturen eine völlig neue Qualität. Die Gewinnung teilflächenspezifischer Daten ermögliche eine Optimierung der Bewirtschaftungsintensität, die umweltschonende Einsparung von Ressourcen, sowie eine Steigerung des Ertrags. Durch Anpassungen in der Arbeitsorganisation und Schulungen erhöhe sich die Motivation der Mitarbeiter, da diese sich dann mit einem höheren Verantwortungsbewusstsein in den Produktionsprozess einbringen könnten.

Darüber hinaus stellte Herr Lisso fest, dass Precision Farming auch ein Instrument des Risikomanagements sei, indem situations- und standortspezifisch gehandelt werden könne. Die Orientierung konzentriere sich v.a. auf die Jahresmitte, da die Niederschläge im Juni wesentlichen Einfluss auf das Ergebnis hätten. Das Ackerbaumanagement richte sich u.a. nach Feuchtigkeitsanalysen, z.B. mit Hilfe der betriebseigenen Wetterstation und Verwendung von Datenquellen (Ertragskarten, Bodenproben, GPS, Satellitenbilder). Precision Farming führe zur Qualitätsverbesserung der Arbeitsprozesse und ermögliche den Mitarbeitern, ihre fachlichen Qualifikationen in der Anwendung des Informationsmanagementsystems und weiterer Technologien im Unternehmen unmittelbar praxisbezogen zu steigern.

Die Erfahrung zeige somit, dass der Einsatz von Präzisionstechnologien in der Landwirtschaft die Betriebsgrößen leichter beherrschbar mache. Der Betrieb werde zu einem lernenden System: Die Arbeitsorganisation werde optimiert, die Ausbildung und Motivation der Mitarbeiter werden gefördert und eine standortangepasste umweltschonende Bewirtschaftung und Absicherung gegen Risiken besser gewährleistet.


[1] https://innopolis.com/business/sez-innopolis/

[2] http://www.ita.org.ru/?page_id=153