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Online Konferenz "Aktuelle Probleme der innovativen Entwicklung in der Agrarwirtschaft" anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der Moskauer Landwirtschaftsgesellschaft

Am 23. September 2020 fand anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der Moskauer Landwirtschaftsgesellschaft die Konferenz "Aktuelle Probleme der innovativen Entwicklung in der Agrarwirtschaft" statt. Die Veranstaltung im Online-Modus wurde vom stellvertretenden Leiter des Nikonow-Instituts Dr. Konstantin Borodin moderiert.

Bei der Tagung tauschten sich Vertreter der Agrarverwaltung, Forschung, Lehre und Branchenverbände über die Rolle der Moskauer Landwirtschaftsgesellschaft (MOSKh) in der landwirtschaftlichen Entwicklung in Russland und die Herausforderungen der heutigen Landwirtschaft aus.

Professor Dr. Alexander Petrikow, Leiter des Nikonow-Instituts für Agrarforschung, betonte in seiner Begrüßung den Beitrag der Landwirtschaftsgesellschaft und deren Einfluss auf die Entwicklung der landwirtschaftlichen Erschließung der abgelegenen Regionen Russlands, insbesondere in Sibirien und im Fernen Osten. Die Moskauer Landwirtschaftsgesellschaft habe in vielen Regionen des Landes die Gründung von Niederlassungen initiiert und sei international sehr vernetzt. Auch habe sie sich stets für einen aktiven Austausch mit führenden ausländischen Agrarwissenschaftlern eingesetzt. Das wichtigste Prinzip sei eine optimale Kombination aus den Bemühungen des Staates, der Agrarwirtschaft und der Zivilgesellschaft. Dies habe die Gesellschaft vorangebracht, zur Modernisierung des Agrarsektors in Russland beigetragen und sei auch unter aktuellen Bedingungen wichtig.

PD Dr. Walerij Paziorkowskij, wissenschaftlicher Mitarbeiter des föderalen Instituts für sozioökonomische Probleme der Bevölkerung im Geschäftsbereich der Russischen Akademie für Wissenschaften hielt einen Vortrag über die Lehre in der 200-jährigen Geschichte der Moskauer Landwirtschaftsgesellschaft, darunter auch zur Evolution der bäuerlichen Betriebe und aktuellen Herausforderungen. In seinen Ausführungen stellte er fest, dass sich die heutige russische Landwirtschaft zu einer mächtigen vertikal integrierten Struktur entwickelt, die sehr aktiv wissenschaftliche und technologische Innovationen nutzt. Ihre zentrale Aufgabe bestehe in der Gewährleistung der Ernährungssicherheit und der physischen und preislich leistbaren Verfügbarkeit von Lebensmitteln für die Bevölkerung. Dabei sei es sehr wichtig, die Erfahrungen und das Potenzial kleinerer landwirtschaftlicher Betriebe, ihre Integration in die Marktwirtschaft, die Rolle der kommunalen Verwaltung und die Verbesserung der Qualität landwirtschaftlicher Produkte zu berücksichtigen.

Professor Dr. Anton Mangstl, Experte des Projekts "Deutsch-Russischer Agrarpolitischer Dialog", stellte in seinem Vortrag zum Thema "Die Rolle der Digitalisierung für eine innovative und nachhaltige Landwirtschaft" fest, dass Innovationen für die Entwicklung der Agrarwirtschaft unabdingbar seien. Dies bleibe auch eine wichtige Herausforderung für die Zukunft. Es sei davon auszugehen, dass bis zum Jahr 2050 10 Milliarden Menschen auf dem Planeten leben und ernährt werden müssten. Sowohl kleine als auch große landwirtschaftliche Betriebe benötigten eine stetige und nachhaltige Entwicklung. Die notwendige, nachhaltige Steigerung der Produktion von Nahrungsmitteln müsse mit Maßnahmen zur Gesunderhaltung des Bodens und der Erhaltung der biologischen Vielfalt einhergehen.

Hierzu könne die Digitalisierung einen wichtigen Beitrag leisten. Bereits 1980 hätten einige Pioniere in Weihenstephan die erste wissenschaftliche Gesellschaft für Informatik (GIL) in der Landwirtschaft gegründet, die erste derartige Gesellschaft weltweit. Somit feierte die GIL im Februar 2020 am Entstehungsort Weihenstephan ihr 40-jähriges Bestehen mit einer Tagung zum Thema Digitalisierung.

Die Digitalisierung helfe in vielen Bereichen bei der Optimierung von Prozessen und Arbeitsabläufen. In der Tierproduktion seien z. B. Fütterungscomputer und Melkroboter üblicher Stand der Technik.

Auch in der Pflanzenproduktion spiele die Digitalisierung schon lange eine wichtige Rolle. Bereits in den 1980er Jahren sei in Weihenstephan ein Computerprogramm zur Düngeplanung entwickelt worden. Die Hauptmotivation war dabei, in Regionen mit besonders viehstarken Betrieben die Überdüngung der Felder (durch Gülleausbringung) mit der Gefahr zu hoher Stickstoffeinträge in das Grundwasser zu verhindern.

Heutige Systeme erlauben eine exakte, teilflächenspezifische Ausbringung von Stickstoff. Eine Kombination aus langjährigen (m²-genauen) Ertragsmessungen bei der Ernte, Satellitendaten, Wachstumsmodellen und Stickstoffsensoren ermöglichen eine punktgenaue Applikation des Düngers während der Vegetation.

Ein weiteres bereits praxiserprobtes Beispiel sei die durch Digitalisierung optimierte Unkrautbekämpfung. Dabei ist auf dem Traktor eine Kamera installiert, die das Feld scannt. Die Spritze mit dem Herbizid wird nur an den Stellen mit Unkrautbesatz eingeschaltet. Je nach Unkrautdruck können dabei bis zu 90 % des Herbizids eingespart werden.

Die beiden Beispiele zeigen, dass das Konzept der integrierten Pflanzenproduktion mit Hilfe der Digitalisierung heute als computerintegrierte Pflanzenproduktion (CIPP) praxisgerecht umgesetzt wird. Das Konzept von CIPP wurde 1985 in Weihenstephan entwickelt. Der optimierte Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln dient sowohl der Ökologie als auch der Ökonomie.

Auch in der Pflanzenproduktion werden Roboter in Zukunft eine bedeutende Rolle spielen. Im Rahmen des Konzepts Miniaturisierung der Landtechnik entwickelte z. B. die Firma Fendt den Roboter „Xaver“ für die Aussaat von Mais. Im Rahmen eines Pilotprojektes erledigt ein Schwarm dieser kleinen Geräte tageszeitunabhängig die Aussaat ohne Belastung des Bodens durch schwere Maschinen.

Der für Digitalisierung neu berufene Professor und Direktor des Hans Eisenmann Forums in Weihenstephan, Senthold Asseng, hat sich bei seinem zukunftswissenschaftlichen Vortrag anlässlich der GIL Tagung 2020 mit der Rolle der Landwirte beschäftigt, wenn in Zukunft die meiste Arbeit von Robotern erledigt wird. Demnach beaufsichtigt der Landwirt dann nicht mehr eine Herde Kühe, sondern eine Herde von Robotern.

2007 hat Professor Mangstl mit seinem Team bei der FAO die Plattform e-Agriculture aufgebaut. Diese Plattform ist heute mit ca. 12.000 Teilnehmern in 170 Mitgliedsländern aktiv. Die diskutierten Themen sind vielfältig: Ihre Spanne reicht vom Zugang zu Marktinformationen (besonders für die Kleinbauern) bis hin zum Einsatz von Drohnen, z.B. zur Erkennung von Schädlingsbefall.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Debatte über Datenhoheit. Viele Firmen und Einrichtungen sammeln große Datenmengen (Big Data) von den landwirtschaftlichen Betrieben. Ein gutes Konzept zur Sicherstellung der Datenhoheit und zur Datensicherheit für die Landwirte wurde im Bundesland Rheinland-Pfalz entwickelt.

Für die Zukunft müsse sichergestellt werden, dass wissenschaftliche Einrichtungen das Thema Digitalisierung im Agrarbereich in ihren Forschungsprogrammen stärker berücksichtigen. Dies erfordert Lehrstühle, Personal und Professoren, die sich mit diesem Thema intensiv befassen um die Forschung, Entwicklung sowie den Wissenstransfer hin zu Beratern und Landwirten zu stärken.

Frau Dr. Lyubov Owtschinzewa, wissenschaftliche Mitarbeiterin des föderalen Agrarforschungszentrums an der Russischen Akademie für Öffentliche Verwaltung RANEPA, thematisierte in ihrem Vortrag die Rolle des Online-Wissenstransfers in der ländlichen Entwicklung. Sie bemerkte, dass die Gründung der Moskauer Landwirtschaftsgesellschaft eine Reaktion auf die Bedürfnisse der Landbesitzer war, Informationen über fortschrittliche landwirtschaftliche Methoden zu erhalten. Darüber hinaus befasste sie sich mit der Geschichte der Bereitstellung und Weitergabe von Informationen und Wissen sowie Formen des Wissenstransfers vom 19. Jahrhundert bis heute - von der Zeit der Zemstvo-Agronomie über die Gründung von Abteilungen, in denen die Agronomen der Provinzen arbeiteten, bis hin zum zentralisierten System der Informationsversorgung des Agrar-Industrie-Komplexes und seiner Abschaffung. Derzeit gebe es staatliche Agrarberatungsdienste, die in verschieden Regionen unterschiedlich funktionieren. Nach Auffassung von Frau Owtschinzewa ist das fachliche Informationsangebot derzeit jedoch nicht ausreichend. Deswegen wird auf der Internetplattform Smarteka[1] ein Projekt der Staatlichen Agentur für strategische Initiativen vorgestellt, das auf die Verbreitung von Best-Practice-Vorhaben, auch in der Entwicklung des ländlichen Raums, abzielt. Die bestehenden Online-Formate des Knowledge-Transfers weisen darauf hin, dass die Nachfrage das Angebot übersteige, weshalb die Frage der Entwicklung von Kanälen für einen Erfahrungsaustausch über bewährte Praktiken weiterhin relevant sei.

Dr. Gennadij Utenkow, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Sibirischen Föderalen Forschungszentrums für Agrotechnologien am Föderalen Sibirischen Forschungsinstitut für Ackerbau und Chemischen Pflanzenschutz, referierte über Auswirkungen der Intensivierung der Agrartechnologien auf die Modernisierung des Agrarsektors. Derzeit werden in Russland ca. 60 % der Anbauflächen mit extensiven Anbauverfahren bewirtschaftet. Die häufigsten Ursachen hierfür seien der Mangel an Betriebsmitteln und finanziellen Ressourcen sowie technologischem Know-how, was zu wesentlichen Ertragseinbußen führe. Beispielsweise könne bei der Bodenbearbeitung die Abweichung von den technologischen Anforderungen 200 % betragen und in der Folge einen Ertragsrückgang um bis 30 % verursachen. Die Aufgabe der modernen Pflanzenproduktion bestehe darin, auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse eine nachhaltige Ertragssteigerung zu erreichen.

Während der Diskussion bekräftigten die Teilnehmer der Tagung erneut, dass die Aktivitäten der landwirtschaftlichen Forschungsinstitute weiter ausgebaut werden müssten. Es solle eine koordinierende Einrichtung geschaffen werden, zum Beispiel im Rahmen der Moskauer Landwirtschaftsgesellschaft. Nach Ansicht einiger Redner solle der Prozess von großen und kleinen Agrarbetrieben unter Einbeziehung der Wissenschaft initiiert werden. Die Hauptaufgabe der Moskauer Landwirtschaftsgesellschaft bestehe darin, die Landwirtschaft durch Wissenstransfer zu unterstützen.

Zum Abschluss der Veranstaltung betonte Professor Alexander Petrikow, dass durch solche Konferenzen die interdisziplinäre und internationale Zusammenarbeit zur Entwicklung der Landwirtschaft gefördert werde, was im Sinne der Moskauer Landwirtschaftsgesellschaft sei.


[1] https://en.smarteka.com/about