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Steigerung der unternehmerischen Tätigkeit auf dem Land im Rahmen der Messe „Goldener Herbst“

Am 9. Oktober 2020 nahm der APD im Rahmen der Fachmesse des Russischen Landwirtschaftsministeriums MCX „Goldener Herbst 2020“ am Online Fachpanel „Steigerung der unternehmerischen Tätigkeit auf dem Land" teil. Das Panel wurde vom Russischen Landjugendverband RSSM initiiert und adressierte aktuelle Fragen und Herausforderungen, wie das Unternehmertum allgemein und insbesondere für junge Menschen in ländlichen Räumen gefördert werden kann.

Moderatorin Natalja Fedjakowa begrüßte die Teilnehmer der Veranstaltung und wies darauf hin, dass es darum gehe, jungen Menschen und Familien Perspektiven und eine höhere Lebensqualität zu bieten. Die Entwicklung der Agrarwirtschaft in Russland sei eng an die Entwicklung dieser übergreifenden gesamtgesellschaftlichen Aufgabe verknüpft.

Darja Krikun, Referentin des Russischen Landwirtschaftsministeriums (MCX), erläuterte Unterstützungsmaßnahmen ihres Hauses für Existenzgründer. Hierzu gehörten in Kooperation mit den regionalen Agrarressorts Zuschüsse im Rahmen des Wettbewerbs „AgroStartUp“, der auch für Genossenschaften offenstehe. Weiterhin subventioniere das Ministerium auch die Modernisierung der technischen Ausstattung von Betrieben, indem bei Zukauf technischer Ausstattung von heimischen Herstellern ein entsprechender Zuschuss gewährt werde. Ab 2021 seien auch gezielte Fördermaßnahmen für Familienunternehmen und KMU sowie das Förderprogramm „Agroprogress“ geplant. Ein weiterer ministerieller Schwerpunkt im Bereich der Förderung sei der Aufbau und die Förderung von regionalen Agrarkompetenzzentren. Nach der Förderperiode 2018 -2020 auslaufende Förderprogramme werden weiter verlängert, darunter das staatliche Förderprogramm zur Entwicklung ländlicher Regionen.

Im Rahmen der Digitalisierung von einzureichenden Unterlagen werde an einer Vereinfachung und Standardisierung der betrieblichen Berichterstattung, u.a. im Bereich Rechnungslegung, gearbeitet. Im Zuge der Covid-19-Krise sei mit dem Ministerium für Industrie und Handel eine Änderung der gesetzlichen Rahmenbedingungen vereinbart worden, die einen Verkauf direkt ab dem Hof bzw. der Produktionsstätte wesentlich erleichtere.

APD-Experte Andreas Traube (Spreewaldverein e.V.) ging in seinem Beitrag auf verschiedene Ansätze zur Stärkung ländlicher Regionen in Deutschland ein, die sich aus Sicht des Spreewaldvereins e.V. besonders bewährt haben. Hierzu gehören vor allem rahmensetzende Maßnahmen, die die Unternehmerinitiative fördern. Da in Deutschland Regionen einem harten Wettbewerb um (hoch) qualifizierte Fachkräfte unterliegen, sei Imagestärkung bzw. -pflege und der Aufbau einer eigenen Marke ein wichtiger Faktor. Dabei müsse eine individuelle Analyse von Stärken und Schwächen vorgenommen werden.

Die Etablierung einer regionalen Dachmarke als Motor bzw. Katalysator für die weitere Entwicklung biete eine wertvolle Möglichkeit zur Diversifizierung der regionalen Wertschöpfung in Verbindung mit der Schaffung von Arbeitsplätzen. Jedoch müsse auf eine genaue geografische Eingrenzung geachtet werden. Unternehmen, die eine regionale Dachmarke führen, müssten ihren Sitz in der Region haben und sich zur Nutzung und Verarbeitung von Waren und Rohstoffen aus der Region verpflichten. Herr Traube ging in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung des rechtlichen Schutzes geografischer Angaben ein, der eine wesentliche Funktion für das Vertrauen der Verbraucher beinhalte und dessen effektive Durchsetzung für die Vorbeugung von Produktfälschungen wichtig sei.

Die regionalen Dachmarken des Spreewalds hätten sich einer nachhaltigen Bewirtschaftung verpflichtet. Dies beinhalte u.a. auch kurze Wege zwischen Erzeugung, Handel und Absatz mittels Wertschöpfungspartnerschaften und -kooperationen am Beispiel der WSK-Partnerschaft Ölsaaten: Der Anbau von Lein konnte infolge einer sehr erfolgreichen Leinölvermarktung von 30 ha (2011) auf über 200 ha (2020) erhöht werden. In diesem Zusammenhang sei für die Markenetablierung eine professionale aktive Öffentlichkeitsarbeit, darunter auch Medienberichterstattung, wichtig. Für eine entsprechende Koordination sollte eine Wirtschaftsförderungs- und -vermarktungsgesellschaft geschaffen werden, die möglichst viele betroffene Stakeholder und Entscheidungsträger einbezieht.

Im Kontext der Covid-19-Pandemie sei ein fortgesetzter Wandel in der Arbeitskultur hin zu mehr Flexibilität und Netzwerkcharakter (flexible Arbeitsmodelle, Verantwortungsübernahme) zu beobachten. Weitere Stichworte in diesem Zusammenhang seien die Verschmelzung von Online und Offline, die Vernetzung von Geräten untereinander sowie soziale Netzwerke und digitale Aktivitäten. Dies biete große Chancen für die Schaffung von Arbeitsplätzen im ländlichen Raum, soweit dort die entsprechenden infrastrukturellen Voraussetzungen (Internetverfügbarkeit, Breitbandanschlüsse) verfügbar seien.

Tatjana Pantelkina, Leiterin der Abteilung für Entwicklung und Unterstützung der Unternehmensentwicklung der „Rosselchosbank“ stellte neue Projekte der Rosselchosbank vor. Dabei werde das Angebot speziell für KMU ausgeweitet. Auch treten Aspekte der Beschäftigungssicherung sowie die Konzipierung von Kompetenzzentren („Schulen für Landwirten“) mehr in den Fokus. Wichtig seien in diesem Zusammenhang Maßnahmen zur Erhöhung der Finanzkompetenzen auf dem Land, u.a. für Personen ohne Vorkenntnisse, z.B. Quereinsteiger. Von einem auf Tutoren aufbauenden Beratungssystem für Existenzgründer erhoffe man sich sowohl einen effektiven Know how-Transfer, als auch eine bessere Vernetzung der Existenzgründer untereinander.

In den weiteren Beiträgen wurde deutlich, dass beim Ausbau von Beratungsplattformen und -netzwerken für Existenzgründer weiterhin ein großes Potenzial besteht. Beratung und Networking seien aufgrund der vielfältigen Herausforderungen und der noch fehlenden Erfahrung im frühen Stadium eines Start Ups oder Unternehmens besonders wichtig. Sie ermögliche den Erfahrungsaustausch untereinander, aber auch mit Vertretern der Behörden und Branchenverbände. Generell gute Erfahrungen habe man mit Best Practice Beispielen gemacht: Diese wirkten für alle Beteiligten motivationssteigernd und seien ein guter Anlass für einen Austausch, u.a. für Beratungsdienstleistungen, um die eigene Positionierung auf dem Markt mit ihren Potenzialen besser analysieren zu können.

Auch die Förderung der sozialen Infrastruktur (z.B. kulturelle Angebote) vor Ort sei ein nicht zu unterschätzender Faktor. Auf dem Land müssten mit staatlicher Unterstützung attraktive Angebote für junge Menschen und Familien geschaffen werden, die darüber hinaus mit günstigen Rahmenbedingungen, wie z.B. steuerlicher Entlastung oder bestimmten Förderprogrammen verbunden sein sollten.

Die Organisatoren dankten dem APD und Herrn Traube für seinen Beitrag, der einen Vergleich zu bisher sehr erfolgreichen Maßnahmen in Deutschland erlaube. In Russland sei man sehr dankbar für diesen wertvollen Austausch, der einen wichtigen Beitrag zur weiteren Entwicklung der eigenen Ideen beitrage. Der APD und Herr Traube wurden zu einem Beitrag bei einer Konferenz zur ländlichen Entwicklung in Baschkortostan im November 2020 eingeladen, bei dem das Thema weiter vertieft werden soll.