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Internationale wissenschaftlich-praktische Konferenz - Nikonow-Lesungen zum Thema "Armut im ländlichen Raum"

Die am 19. und 20. Oktober 2020 an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Staatlichen Lomonossow-Universität stattfindenden 25. Nikonow-Lesungen waren unter dem Motto „Armut im ländlichen Raum“ der Bestandsaufnahme und Maßnahmen zur Verbesserung der Perspektiven in ländlichen Regionen Russlands gewidmet. Da es sich um einen multidimensionalen Problemcluster handelt, der auch in anderen Ländern auftritt, wurde internationalen Erfahrungen zu diesem Thema besondere Aufmerksamkeit geschenkt. An der digitalen Konferenz unter der Leitung von Professor Alexander W. Petrikow, dem Direktor des VIAPI-Nikonow-Instituts, nahmen mehr als 120 Gäste teil, darunter Wissenschaftler, Politiker und Vertreter von Behörden aus ganz Russland sowie aus Deutschland, Litauen und Belarus.

Professor Andrej G. Papzow begrüßte die Teilnehmer im Namen der Akademie für Agrarwissenschaften der Moskauer Staatlichen Lomonossow-Universität (MGU) und betonte, dass soziale Armut in ländlichen Regionen weiterhin ein großes Problem in Russland darstelle und in Zusammenhang mit fehlenden Perspektiven zu einer starken Landflucht junger Menschen führe.

Professor Alexander W. Petrikow stellte in seinem Impulsreferat die wichtigen Indikatoren der ländlichen Armut vor. In Russland lebten demnach in ländlichen Räumen ca. 22 % und in städtischen Gebieten ca. 7 % der Bevölkerung in Armut. Entscheidend sei die Bekämpfung der Armutsursachen. Neben der Förderung der sozialen Infrastruktur müsse die Armutsbekämpfung durch eine Diversifizierung der Wertschöpfungsprozesse, KMU-Förderung sowie eine bessere Entlohnung (infolge einer höheren Produktivität) sichergestellt werden. Generell sollten die Zielsetzungen und Strategien staatlicher Programme zugunsten einer zielgerichteten Förderung geändert werden. Der gegenwärtige Trend zu einer Regionalisierung weise in die richtige Richtung, allerdings sei die vergleichsweise schwache regionale und kommunale Finanzkraft zu berücksichtigen.

Das durchschnittliche Existenzminimum in Russland beträgt 2020 10.609 Rubel pro Monat, wobei einerseits nach Städten und Regionen und andererseits nach Personenkreisen unterschieden wird. Für arbeitsfähige Personen beträgt das mittlere Existenzminimum landesweit im Durchschnitt 11.510 Rubel und für Rentner 9.311 Rubel. In Moskau wird das mittlere Existenzminimum für arbeitsfähige Personen mit 19.797 Rubel und für Rentner mit 12.253 Rubel pro Monat angegeben.

Professor Sergej V. Kisseljow, Leiter der Abteilung für Agrarökonomie an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften an der MGU, ging auf die zugrunde liegenden quantitativen Kriterien der Armut ein. Das derzeitige mittlere Existenzminimum in Russland betrage zurzeit ca. 4,60 USD pro Tag. Kaufkraftbereinigt liege der Wert etwas höher. Ein großes Problem liege in der vielfach zu beobachtenden Pfadabhängigkeit der Armut, die mit sozialen Gewöhnungseffekten einherginge und die Lösungsmechanismen erheblich verkompliziere. Durch eine vergleichsweise große Bedeutung des informellen Sektors und der Zusatzeinkommen für Rentner werde der Armutsgrad für große Bevölkerungsteile faktisch abgemildert. Zur aktuellen Covid-19-Pandemie führte Kisseljow aus, dass diese v.a. die Armut in den Städten verschärft habe. Die größere Resilienz ländlicher Regionen sei allerdings kein Grund zu Optimismus, denn diese seien infolge der zu erwartenden Kürzung staatlicher Ausgaben mittelfristig stärker betroffen als urbane Regionen.

Dr. Harald Hoppe, Experte des Deutsch-Russischen Agrarpolitischen Dialogs und Referatsleiter für ländliche Entwicklung im brandenburgischen Ministerium für Landwirtschaft, Klima und Umweltschutz, wies in seinem Beitrag auf die Notwendigkeit eines integrierten Ansatzes hin, der die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit in den Bereichen Ökologie, Ökonomie und Soziales berücksichtige. Hieraus ergäben sich vier allgemeine Ziele zur Förderung ländlicher Regionen: (1) Stärkung der landwirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit, (2) Ernährungssicherheit (Produktion qualitativ hochwertiger Lebensmittel), (3) Verbesserung der Arbeitsbedingungen auf dem Land und (4) Verbesserung der ökologischen Situation.

Die zentralen Herausforderungen für die Zielerreichung hierfür seien (1) der Strukturwandel bzw. technologische Wandel der Landwirtschaft, (2) der demografische Wandel auf dem Land (schwache Geburtenrate und zugleich Nettoabwanderung) und (3) der Wechsel der demografischen Beziehungen Stadt-Land im Sinne sich verschärfender Disparitäten.

Deutschland habe zur Bewältigung dieser Herausforderungen und zur Erreichung der genannten Ziele das LEADER-Programm aufgelegt, das sich bisher als sehr erfolgreich bewährt habe. Dabei stehen Regionen im Wettbewerb der Ideen und Umsetzung innovativer Aktivitäten. Dennoch werde auf die Netzwerkpflege, die Ausbildung von Synergieeffekten und den Austausch von Erfahrungen unter Regionalmanagern großer Wert gelegt. In diesem Zusammenhang konnten z.B. mobile Arztpraxen zur Sicherstellung der ärztlichen Bevölkerung der Landbevölkerung etabliert werden.

Für die Zielfokussierung und somit den Erfolg des LEADER-Programms von entscheidender Bedeutung sei das Prinzip der Kopplung von Fördermitteln an die Einhaltung und Erfüllung strikter Programmvorgaben. Durch die Tätigkeit von 14 Regionalbezirken, das vor Ort vorhandene individuelle Eigeninteresse und die Nutzung des Potenzials von Socializing und Networking werden die Menschen auf lokaler Ebene eingebunden und die verbandliche Organisation in ländlichen Räumen gestärkt.

Dr. Antje Jantsch vom Leibnitz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien widmete ihren Beitrag dem Thema „Lebensqualität im Vergleich zwischen städtischen und ländlichen Regionen“, wobei sie besonders auf methodologische Herausforderungen der Messung und Operationalisierung einging.

In ihrer Untersuchung zur Zufriedenheit der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft analysierte Frau Dr. Jantsch Daten des sozioökonomischen Panels zu zahlreichen Indikatoren in den Bereichen Arbeit, Einkommen und Zufriedenheit für die Jahre 2001 bis 2014.

Dabei zeigten sich signifikante Unterschiede in der Wahrnehmung von Lebensqualität zwischen Ost- und Westdeutschland und weniger zwischen städtischen und ländlichen Regionen. Der Unterschied der wahrgenommenen Lebensqualität zwischen Stadt und Land in Ostdeutschland erschien etwas größer als in Westdeutschland, generell aber noch deutlicher ausgeprägt zwischen einzelnen Teilgruppen, z.B. Erwerbstätige gegenüber Arbeitslosen.

Für die Wahrnehmung der Lebensqualität seien die Lebens- und Arbeitsbedingungen wichtig: Bei nicht in der Landwirtschaft arbeitenden Personen korreliere die Arbeitszufriedenheit stark mit dem Ausbildungsgrad. In der Landwirtschaft Tätige zeigten dagegen generell eine überdurchschnittliche Zufriedenheit mit der Lebensqualität. Dabei sei zu bedenken, dass Arbeits- und Lebenszufriedenheit nicht deckungsgleich sei, die Arbeitszufriedenheit aber die Lebenszufriedenheit beeinflusse.

Igor Prudnikow, wissenschaftlicher Leiter des ANO-Labors für territoriale Entwicklung, hob hervor, dass das Internet und innovative digitale Technologien neue Möglichkeiten zur Entwicklung im ländlichen Raum generierten. Hierzu führte er Beispiele in der Telemedizin, im Onlinehandel sowie im Bereich des Homeoffice aus. Neue Einkommensmöglichkeiten ergäben sich durch Diversifizierung, z.B. im Agrartourismus.


Am 20. Oktober leistete APD-Experte Professor Dr. Anton Mangstl von der TU München einen Beitrag zum Thema "Entwicklung der Digitalisierung zur Einkommenssteigerung von Kleinunternehmen in ländlichen Räumen“. Er verwies in seinem Vortrag darauf, dass das Konzept der ländlichen Entwicklung nicht nur auf die Landwirtschaft fokussiert sein dürfe, sondern die Landwirtschaft auch von einer positiven Entwicklung des Wohlstands auf dem Lande profitiere, und ging auf verschiedene Fördermaßnahmen für Digitalisierung (Initiativen) ein.

Hierzu stellte er das Programm „Ländliche Räume in Zeiten der Digitalisierung“ der HS Münster vor, die vor allem den Knowledge-Transfer in und für ländliche Regionen stärke. Das Projekt „Hidden Champions als zentrales Element der Stabilisierung ländlicher Regionen in Zeiten der Digitalisierung“ der Universitäten Gießen und Hannover möchte zu einem tieferen Verständnis der Leistungen und Beiträge von Hidden Champions als mittelständischen, exportorientierten Weltmarktführern zur ländlichen Entwicklung beitragen.

Darüber hinaus erläuterte Professor Mangstl anhand mehrerer Praxisprojekte, wie mit vergleichsweise geringem Mitteleinsatz vor Ort effektive Impulse für eine positive ländliche Entwicklung gegeben werden können:

Die Robert-Bosch-Stiftung fördere z.B. eine Weiterbildungsstätte für Heil- und Wildkräutertourismus in einem strukturschwachen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Die TU Deggendorf sei ein Beispiel für die erfolgreiche Gründung von Fachhochschulen mit besonderer Betonung auf praxisnaher Ausbildung in ländlichen Gegenden und habe zur Ansiedlung von Industrien rund um diese Hochschulen geführt. In ländlichen Regionen seien spezielle Technologiekonzepte, wie z.B. „Digitales Dorf“ (in den Orten Spiegelau und Frauenau im Bayerischen Wald) eingeführt worden, die mit Hilfe von EU-Förderprogrammen erfolgreich Serviceangebote und die Förderung von Technologien als „Living Lab“ realisiert hätten.

Auch betonte Professor Mangstl die wichtige Rolle des ländlichen Tourismus: Urlaub auf dem Bauernhof sorge für zusätzliche Einkommensmöglichkeiten, wenn eine grundsätzliche Attraktivität für Touristen vorhanden sei. Digitalisierung sei auch hierfür – ebenso wie für Konzepte des Direktverkaufs, Online-Vertriebs oder zusätzlicher Catering-Angebote – ein zentraler Marketing-Faktor. Die Akzeptanz der Bevölkerung für moderne Landwirtschaft müsse weiterentwickelt werden. Eine Möglichkeit hierfür sei das Konzept der solidarischen Landwirtschaft, die eine Beteiligung von Geldgebern (u.a. aus städtischen Gebieten) zur Unterstützung der betrieblichen Produktion ebenso wie an der Ernte vorsehe.

Die Teilnehmer aus Russland betonten in diesem Zusammenhang, dass in Russland dem Ausbau der Infrastruktur – sowohl im Bereich der Digitalisierung, als auch im kulturellen, sozialen und ökonomischen Sektor – weiterhin Beachtung geschenkt werden müsse. Natalya Schagaida vom Gaidar-Institut für Wirtschaftspolitik ergänzte, dass klein- und mittelständischen Unternehmen bei strukturpolitischen Maßnahmen verstärkt berücksichtigt werden sollten. Diese benötigten vor allem verbesserte Kommunikationsmöglichkeiten für den Wissenstransfer (z.B. Beratungsplattformen) sowie differenzierte Förderinstrumente im Bereich der Finanzierung. Auch sei eine Anpassung der bisher sehr stark auf Landwirtschaft und Export fokussierten nationalen Ernährungsdoktrin sinnvoll.