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Runder Tisch „Kompetenzzentren für den Ökolandbau. Ziele und Herausforderungen bei der Förderung des Ökolandbaus in der Russischen Föderation“

Der Runde Tisch „Kompetenzzentren für den Ökolandbau. Ziele und Herausforderungen bei der Förderung des Ökolandbaus in der Russischen Föderation“ am 28. Juli diente neben einer kurzen Bestandsaufnahme über aktuelle Herausforderungen des Ökolandbaus nach der Einführung des Ökolandbaurahmengesetzes in Russland zum 1. Januar 2020 vor allem der Frage, wie der Aufbau von Ökokompetenzzentren diese Herausforderungen zu bewältigen helfen und wie der Deutsch-Russische Agrarpolitische Dialog diese Entwicklung unterstützen kann.

Die russische Seite betonte dabei wiederholt den Wunsch nach einem intensiven Austausch mit Deutschland zu den hier seit mehr als 25 Jahren gesammelten Erfahrungen, die dazu beitragen könnten, die Entwicklung des Ökolandbausektors in Russland zu beschleunigen und ggf. falsche Weichenstellungen frühzeitig zu korrigieren. Der global wachsende Markt für Ökoprodukte und die auch in der Zukunft anhaltende hohe Nachfrage Deutschlands nach ÖLB-Importen eröffne hervorragende Perspektiven einer gemeinsamen Kooperation im fachlichen Austausch zu ÖLB-spezifischen Fragen und darüber hinaus in den Bereichen Know-how-Transfer (Wissensmanagement und Weiterentwicklung effizienter Beratungsnetzwerke).

An der Staatlichen Agrarakademie Jaroslawl wurde im April 2020 ein föderales Kompetenzzentrum für den Ökolandbau gegründet. Zurzeit wird an der Ausstattung eines Forschungslabors für Produktqualität sowie an der Ausstattung von Ausbildungs- und Demonstrationsstandorten gearbeitet. Das Zentrum soll der Weiterentwicklung der Branche im Gebiet Jaroslawl und der Russischen Föderation insgesamt einen positiven Impuls geben und auf Lehrtätigkeiten, die Beratung sowie organisatorische und methodische Unterstützung landwirtschaftlicher Produzenten aus verschiedenen Regionen des Landes fokussiert werden. Die Oblast Jaroslawl ist der größte Hersteller von Ökolandbauprodukten in Russland mit erheblichen Bodenressourcen, und umfangreichen Erfahrungen mit der Herstellung von Bio-Lebensmitteln. An der Staatlichen Agrarakademie Jaroslawl werden Kurse zur Herstellung, Verarbeitung und Zertifizierung von Ökolandbauprodukten in das Curriculum aufgenommen.

Während der Veranstaltung wurde mehrfach die Unterstützung des Russischen Landwirtschaftsministeriums für das neue Ökokompetenzzentrum unterstrichen und auf die bestehende Kooperationsvereinbarung zwischen dem Ministerium, dem Nationalen Ökolandbauverband (NOS), dem neuen Kompetenzzentrum in Jaroslawl sowie dem Kompetenzzentrum „Organik“ in Kasan hingewiesen. Wladislaw Nesmejanow, Referatsleiter „Organisation wissenschaftlicher Forschung“ im russischen Landwirtschaftsministerium, betonte die Bedeutung des Ökolandbaus für die weitere Entwicklung der Agrarbranche. Nach der Einführung des neuen Ökolandbaurahmengesetzes zum 1. Januar 2020 messe das Ministerium dem Know-how-Transfer und der Ausbildung von Fachkräften besondere Bedeutung bei, daher erfahre der Aufbau des neuen Kompetenzzentrums sowie die Vernetzung mit weiteren Kompetenzzentren auch weiterhin starke staatliche Unterstützung. Der Leiter des Kasaner Kompetenzzentrums für ökologischen Landbau Walerij Gogin bestätigte in seinem Beitrag die enge Kooperation mit dem russischen Landwirtschaftsministerium und dem Kompetenzzentrum in Jaroslawl und äußerte die Hoffnung, dass das infolge der Corona-Krise gestiegene Bewusstsein für gesunde Lebensmittel dem Ökolandbau zusätzliche Chancen verschaffe. Die Kompetenzzentren sollten in ihrer Tätigkeit auch spezifisch regionale Fragen der Förderberatung berücksichtigen, da die Rahmenbedingungen in den jeweiligen Regionen klimatisch und strukturell mitunter sehr heterogen seien.

Die Rektorin der Staatlichen Agrarakademie Swetlana Gussar dankte in ihrem Beitrag für die Unterstützung durch das russische Landwirtschaftsministerium, den Nationalen Russischen Ökolandbauverband NOS, den Deutsch-Russischen Agrarpolitischen Dialog und das Kasaner Kompetenzzentrum „Organik“. Sie unterstrich neben der Relevanz einer gut ausgestatteten Infrastruktur für das Kompetenzzentrum die Bedeutung des fachlich-wissenschaftlichen und methodischen Austausches auch auf internationaler Ebene. Der Ökolandbau eröffne hierzu mit seiner strikten Orientierung an Nachhaltigkeit wertvolle und für alle beteiligten Seiten gewinnbringende Perspektiven.

Die beiden Experten des Deutsch-Russischen Agrarpolitischen Dialogs Dr. Klaus Wiesinger von der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) Bayern sowie Frank Rumpe, unabhängiger Sachverständiger für Kontrollstellen und Zertifizierung im Ökolandbau, stellten in ihren Beiträgen heraus, dass eine entsprechende Rückendeckung und Unterstützung durch die staatlichen Behörden für den Erfolg des Kompetenzzentrums sehr wichtig sei. Durch einen ständigen Austausch zwischen Behörden und Kompetenzzentren werde auch das Verständnis über den Ökolandbau in den Behörden aktualisiert und verbessert. In Deutschland habe man die Erfahrung gemacht, dass darüber hinaus private Ökolandbauverbände eine sehr positive Rolle für den Know-how-Aufbau einnehmen.

Dr. Wiesinger betonte, dass die privaten Verbände nicht von staatlichen Beratungs- und Förderangeboten verdrängt werden, sondern diese ergänzen sollten.

Da sich die Zertifizierung im Ökolandbau nicht nur auf das Endprodukt bezieht, sondern den gesamten Produktionsprozess unter die Lupe nimmt, handele es sich um ein sehr umfangreiches und komplexes Gebiet, das Know-how-Transfer (Schulungen) und Beratungstätigkeiten in folgenden Bereichen erfordert:

  1. Markt- bzw. Verbraucherorientierung: Trends, Vermarktungsfähigkeit, Absatz- und Vertriebswege, Kenntnisse über Marktbesonderheiten
  2. Produktionsprozesse, Wertschöpfung: Fruchtfolgegestaltung, Leguminosenanteil, Beikrautregulierung ohne Chemie (v.a. Beratungsbedarf in der Umstellungsphase), Bodennährstoffmangement (Phosphor-, Kaliversorgung; v.a. zeitlich versetzt nach 4-5 Jahren)
  3. Staatliche Fördermaßnahmen

Die staatliche Förderung sei notwendig, da der Erlös durch höhere Produktpreise nicht ausreiche, die v.a. in der Anfangszeit der ökologischen Bewirtschaftung auftretenden höheren Produktionskosten zu kompensieren. Die Flächenprämie für die Bewirtschaftung betrage in Deutschland aktuell jährlich 270 €/ha (für Obst- Gemüse und Weinbau etwas höher). Von großer Bedeutung für umstellungswillige Betriebe sei auch die Investitionsförderung (z.B. für den Um- oder Neubau von Anlagen) mit Zuschüssen im Umfang von derzeit 20 - 30 % für Ställe, aber auch Zuschüssen für Verarbeitungsanlagen, wie kleine Käsereien, Bäckereien oder Fleischverarbeitungsbetriebe. Die Beratung über entsprechende Fördermöglichkeiten werde – ebenso wie zu Marktfragen oder Produktionsprozessen – neben der LfL über die privaten Ökolandbauverbände im Rahmen des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft e.V. gewährleistet.

Die LfL sei darüber hinaus speziell für einen weiteren vierten Bereich zuständig, der die Koordination von Forschungsvorhaben im Bereich des Ökolandbaus sowie die Betreuung von ca. 100 Demonstrations- und Modellbetrieben in Bayern umfasse. Diese Betriebe erhielten jährlich eine Aufwandspauschale und stünden dafür für Schulungs- und Besichtigungszwecke bereit.

Frank Rumpe betonte, dass aus seiner Erfahrung im Bereich der Zertifizierung der Aufbau und die Anwendung umfangreichen spezifischen Fachwissens bei Produzenten und zugleich bei den zertifizierenden Kontrollstellen für den Erfolg des Ökolandbaus maßgeblich ist. Eine gute Kontrolle sei Voraussetzung für die Zertifizierung, hierzu brauche es geschulte Kontrolleure. Die große Vielfalt des Produktionsprozesses unterstreiche zusätzlich die Bedeutung der Wissenvermittlung – sowohl für Kontrolleure als auch für die zu kontrollierenden Produzenten.

Tatjana Wolkowa von der Kontrollstelle „Organic Expert“ betonte, dass auf dem russischen Markt nach wie vor ein großer Bedarf an geschulten Kontrolleuren bestehe. Problematisch sei darüber hinaus das Fehlen von Ansprechpartnern für Zertifizierer. Ein Austausch auch zwischen den Kontrollinstitutionen sei wichtig. Vom neuen Kompetenzzentrum in Jaroslawl erhoffe sie sich fachliche Unterstützung und langfristig auch eine Verbesserung der Situation im Bereich „Human Resources“.

Jelena Jaschajewa, Generaldirektorin der Agriwolga GmbH, einer der größten Ökolandbauproduzenten in der Oblast Jaroslawl, sowie Anatolij Nakarjakow, Geschäftsführer der Sawinskaja Niva GmbH (Unternehmensgruppe EkoNiva), teilten die Auffassung, dass ein dringender Bedarf an speziell für die Bedürfnisse des Ökolandbaus ausgebildeten Fachkräften bestehe und sicherten jeweils ihre Bereitschaft zu einer engen Zusammenarbeit mit dem neuen Kompetenzzentrum zu. Die Kooperation zwischen Forschung und Praxis sei für die fachliche Weiterentwicklung der Branche, aber auch für die Gewinnung und Entwicklung von Fachkräften von größter Bedeutung.

Projektleiter Florian Amersdorffer sagte in seinem Beitrag die begleitende Unterstützung des Kkompetenzzentrums Jaroslawl durch den Deutsch-Russischen Agrarpolitischen Dialog zu. Er rege einen intensiven Austausch zwischen dem Kompetenzzentrum und der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) an. Dieser sei sowohl auf fachlicher als auch auf persönlicher Ebene möglich, z.B. in Form von Weiterbildungsmaßnahmen in Bayern. Dr. Wiesinger unterstrich hierzu die Bereitschaft der LfL. Projektleiter Amersdorffer regte einen Austausch über Möglichkeiten der weiteren Zusammenarbeit an, die in der Zukunft ggf. zu einer formalisierten und langfristigen Kooperation führt.