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Podiumsdiskussion zum Thema "Ökologischer Landbau in Russland: Perspektiven und Herausforderungen"

Eine Veranstaltung von zentraler Bedeutung für die russische Delegation auf der BioFach 2020 war die von der APD organisierte Podiumsdiskussion zum Thema „Ökologischer Landbau in Russland: Perspektiven und Herausforderungen“, moderiert vom Leiter des Deutsch-Russischen Agrarpolitischen Dialogs Florian Amersdorffer. Während der Veranstaltung diskutierten die Teilnehmer Chancen und Herausforderungen für die Entwicklung der heimischen ökologischen Produktion sowie die Hauptrichtungen der Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern.

Die Veranstaltung wurde von Herrn Sergej Belousow eröffnet: „Seit mehreren Jahren haben wir an dem Gesetz über den ökologischen Landbau gearbeitet. Heute ist der russische Gemeinschaftsstand mit 11 Unternehmen vertreten. Dies ist eine großartige Möglichkeit, sich und die bisher erreichten Ergebnisse zu präsentieren. Wir hoffen, dass mit der Verabschiedung des Gesetzes jedes Jahr weitere russische Unternehmen teilnehmen werden und ihre Produktpalette erweitern können.“ Er betonte auch, dass Russland mit seinen großen Brachflächenreserven jede Chance hätte, seinen rechtmäßigen Platz auf dem Weltmarkt einzunehmen. Aus Sicht des Senators ist der ökologische Landbau eng mit der Entwicklung des ländlichen Raums, des Agrotourismus und der Kleinunternehmen verbunden. Daher liegt die Zukunft im ökologischen Landbau. Laut S. Belousow sei es für die erfolgreiche Entwicklung auf dem Binnen- und Außenmarkt erforderlich, eine Strategie für die Entwicklung des ökologischen Landbaus zu entwickeln, die eine Reihe von Maßnahmen vorsehe, darunter bestimmte Maßnahmen zur staatlichen Förderung, Ausbildungsprogramme für Fachkräfte an Universitäten und die Bekämpfung von Fälschungen.

Seit dem 1. Januar 2020 sei in der Russischen Föderation das Gesetz über Bio-Lebensmittel (Föderales Gesetz Nr. 280-FZ vom 03.08.2018) in Kraft getreten, sagte der stellvertretende Landwirtschaftsminister der Russischen Föderation, Maxim Uwaidow. Dieses Gesetz zielt in erster Linie darauf ab, gemeinsame Anforderungen für die Erzeugung und Kennzeichnung russischer Bio-Produkte einzuführen und unlautere Vermarktungspraktiken zu beseitigen. "Wir wollen, dass ausländische Verbraucher in Zukunft der einheimischen Marke von Bio-Produkten vertrauen, so wie sie heute dem ‚grünen Blatt‘ vertrauen. Dies wäre der erste Schritt zur gegenseitigen Anerkennung solcher Produkte, was wiederum die Möglichkeit des Eintritts unserer Produkte auf ausländische Märkte erheblich erleichtern würde.“ Darüber hinaus betonte M. Uwaidow während der Veranstaltung, dass die einheimischen Bio-Produkte große Chancen auch für den Export bieten. Der Vizeminister berichtete außerdem, dass in Russland bereits mehrere Bildungsprogramme im Bereich des ökologischen Landbaus durchgeführt werden. So wird z.B. in der Timirjasew-Akademie zurzeit ein Kompetenzzentrum eingerichtet, in dem Fachkräfte auf dem Gebiet des ökologischen Landbaus ausgebildet werden.

Während der Diskussion stellte der Leiter von Roskatschestwo Maxim Protasow die wichtigsten „Blöcke“ der Aktivitäten seiner Organisation im Bereich Bio vor. Der erste Block „Standardisierung“ beinhaltet die Entwicklung von fünf Standards. Staatliche Fördermittel wurden für die Entwicklung von zwei Standards für Wildpflanzen und biologische Produkte bereits empfangen. Auch wurden bereits zwei von fünf Standards erarbeitet, die sich derzeit in der zwischenbehördlichen Abstimmung befinden. Der zweite Block „Schulung und Beratung“ – die Erzeuger der Bio-Produktion sollen bei der Umstellung auf ökologischen Landbau unterstützt werden – sieht die Einrichtung zusätzlicher Weiterbildungsprogramme und Beratungszentren bei Roskatschestwo und der Timirjasew-Akademie vor. Die Verbraucheraufklärung gehört zu den wichtigsten Aufgaben, mit der die Regierung der RF Roskatschestwo betraute. Dieser Tätigkeitsbereich wird durch den Block „Werbung: Fokus und Instrumente“ umgesetzt. Hierfür werden alle Marketinginstrumente eingesetzt: Medienarbeit, Werbung an Orten des Produktverkaufs, Marketing in sozialen Netzwerken, Ausstellungsaktivitäten und Direct Marketing.

Oleg Mironenko, der Geschäftsführer des Nationalen Ökolandbauverbands, erinnerte daran, dass einer der ersten russischen Bio-Produzenten erst im Jahr 2009 das internationale Zertifikat erhielt und somit dieses Jahr als Anfang der Entwicklung des Bio-Sektors in Russland angesehen werden kann: „Bisher haben wir einen kleinen Markt im Umfang von 184 Millionen Euro, aber wir sind ehrgeizig in unseren Plänen und möchten, dass unser heimischer Bio-Markt ein Niveau von 5 Milliarden Euro erreicht.“ Es gebe eine Regelmäßigkeit: Pro eine Million Hektar ökologisch bewirtschafteter Fläche können Erzeugnisse im Wert von 1 Milliarde 100 Millionen Euro produziert werden. Russland habe jetzt eine große Menge Flächen, fast 12 Millionen Hektar, die schnell ökologisch bewirtschaftet werden könnten. Das hieße, es könnten darauf Bio-Produkte im Wert von 15 Milliarden Euro erzeugt werden. „Als wir an dem Gesetz gearbeitet hatten, hatten wir vor allem unsere eigene Produktion im Blick, aber wir verstehen auch, dass wir nicht auf Importe verzichten dürfen.“ Laut Oleg Mironenko befänden sich zurzeit 85 Prozent importierte Bio-Produkte in den Regalen russischer Bio-Lebensmittelgeschäfte, der Rest sei einheimische Erzeugung. Allerdings plant der russische Bio-Sektor, diese Zahl auf ein Verhältnis von 50 zu 50 zu bringen. Die gegenseitige Zusammenarbeit hängt nach Oleg Mironenko weitgehend davon ab, wie schnell die angestrebte gegenseitige Anerkennung von russischen und internationalen Standards erreicht werde. „In naher Zukunft ist es unsere Aufgabe, Transparenz in Bezug auf die Spielregeln zu gewährleisten. Jetzt bauen wir interne Regeln auf, und es ist uns auch wichtig, transparente Regeln für die Zusammenarbeit mit ausländischen Importeuren von Bio-Produkten festzulegen “, so Oleg Mironenko. "Aber wir werden einen wettbewerbsfähigen Markt schaffen."

Stefan Dürr, Generaldirektor der EkoNiva-APK Holding, die 1995 erstmals an der BioFach-Ausstellung teilnahm, präsentierte seine Vorstellung der Entwicklung des ökologischen Landbaus in Russland. In den frühen neunziger Jahren produzierte EkoNiva Bio-Buchweizen in kleinen Mengen und konnte anschließend unter anderem aufgrund der geringen Produktionsmenge der Konkurrenz chinesischer Hersteller nicht standhalten. Heute produziert Savinskaja Niva, eine der Holdinggesellschaften, Bio-Milch im Volumen von 2500 Litern und liefert Bio-Rindfleisch für die Herstellung von Babynahrung an Hipp Russland. Darüber hinaus werden auch Bio-Buchweizen, Getreide und Erbsen produziert. Derzeit werden die Produkte in den Supermärkten „Globus“, „Auchan“ usw. verkauft. Bei größerer Nachfrage könnte EkoNiva die Menge der produzierten Bio-Produkte erhöhen. Laut Stefan Dürr gebe es heute zwei grundlegende Faktoren, die die Bereitschaft der Verbraucher zum Kauf von Bio-Produkten beeinflussen. „Bis heute verkauft sich Bio-Milch schlecht. Das Problem liegt nicht im Preis, sondern im Wissen. “ Stefan Dürr ist sich sicher, dass die Verbreitung von Informationen und Wissen unter der Bevölkerung des Landes einerseits und die Steigerung des Kundenvertrauens andererseits der Schlüssel zur Steigerung der Verbrauchernachfrage nach der Bio-Marke sei.

Das Zertifizierungsunternehmen Organic Expert (Direktorin: Tatjana Wolkowa) ist seit 2012 auf dem Bio-Markt tätig. Das Hauptproblem im Bereich der Zertifizierung ist Direktorin Wolkowa zufolge fehlendes Fachpersonal, insbesondere in quantitativer Hinsicht. „Unser System unterscheidet sich nicht von dem europäischen, die Gesetzgebung und die Vorschriften sind gleich, wir sind nach dem gleichen Standard ISO17065 genau wie die europäischen Zertifizierungsstellen akkreditiert. Unsere Spezialisten verbessern ständig ihre Qualifikationen und besuchen Fortbildungskurse, die auch von ihren ausländischen Kollegen durchgeführt werden. Wir haben allerdings zu wenige Fachleute. In unserem Unternehmen gibt es zum Beispiel drei Experten, bei Roskaschestwo fünf, in der dritten russischen Zertifizierungsfirma drei, und dies ist für ein so großes Land katastrophal wenig. Daher ist das Thema Ausbildung und Professionalisierung von Fachkräften eminent wichtig “, so Tatjana Wolkowa. Bei der Lösung des Problems der Ausbildung russischer Experten für die Zertifizierung hoffe sie auf die Hilfe von Kollegen aus der Europäischen Union.

Ilja Kaletkin, Vorstandsvorsitzender der Arivera-Unternehmensgruppe, betonte, dass sein Unternehmen 2009 das erste europäische Zertifikat erhielt und somit einer der ersten zertifizierten Hersteller von Bio-Produkten in Russland wurde. Jetzt verfügt das Unternehmen über 4.500 Hektar Land. Arivera produziert eine große Auswahl an Schälmühlenprodukten und Getreiderohstoffen. „Wir waren auch die ersten in Russland, die ein europäisches Zertifikat für Honig erhalten haben", sagte Ilja Kaletkin. Der erste russische Bio-Wodka „Tschistye Rosy“, der von der Likör- und Wodkafabrik in Saransk hergestellt wird, ist sehr gefragt und das Produktionsvolumen wird jährlich verdoppelt. Arivera ist auch ein bedeutender Importeur von Bio-Produkten. In diesem Zusammenhang wies der Unternehmer darauf hin, dass es für die Importeure, insbesondere für kleinere Firmen schwierig sei, die russischen Zertifikate wegen ihres hohen Preises zu erhalten. „Es ist wichtig, dieses Problem gemeinsam mit staatlichen Stellen zu überwachen, damit inländische Verbraucher Zugang zu diesen importierten Produkten haben können“. Um das Problem zu beheben, sollten ausländische Zertifizierer eine Akkreditierung bei Rosakkreditaciya (Föderale Behörde für Akkreditierung der Russischen Föderation) erhalten, um den russischen Unternehmen sowohl europäische (oder amerikanische) als auch russische Zertifikate ausstellen zu können. Dies wären eine große Unterstützung und ein Zeichen des Respekts für die russische Bio-Kennzeichnung. Russische Zertifizierer könnten sich auch von der Europäischen Kommission akkreditieren lassen, um Zertifikate nach europäischen Standards auszustellen. „All dies würde den Produzenten die Übergangsphase der gegenseitigen Anerkennung erleichtern, die ohnehin sowohl politisch als auch technisch kompliziert ist.“

Bernward Geier, Geschäftsführer der Colabora GmbH (Deutschland) und IFOAM-Botschafter, unterstrich in seinem Redebeitrag, dass die Zusammenarbeit mit den ausländischen Partnern für die Entwicklung des ökologischen Landbaus in Russland äußerst wichtig sei. „Russland hat in der Tat ein großes Plus – das Land verfügt über riesige Landflächen. Wir glauben auch an die russische Seele, an die Schönheit des Landes und an die russische Landwirtschaft. Das sind die Kernwerte, die unbedingt genutzt werden sollten.“ Bernward Geier betonte auch, wie wichtig es sei, Russlands riesige Flächen in die ökologische Nutzung einzubeziehen: „Dies ist sicherlich eine große Aufgabe. Aber ich bin ein Optimist. “

Zusammenfassend stellten die Teilnehmer fest, dass für die weitere effektive Entwicklung das Vertrauen der Verbraucher in Bio-Produkte, die Bereitschaft der Gesellschaft, einen gesunden Lebensstil zu führen und eine gesündere Familienernährung aufzubauen, sowie das Verständnis für Natur- und Umweltschutz genutzt werden sollten.

Foto: EkoNiva und APD