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21. – 22. Oktober - Nikonow-Lesungen an der Moskauer Staatlichen Lomonossow Universität

Die Entwicklung der Zukunft des russischen Dorfes ist äußerst aktuell und daher ein viel diskutiertes Thema sowohl auf allen Verwaltungsebenen als auch in der Politik und beim internationalen wissenschaftlichen Fachpublikum. Vom 21. bis 22. Oktober 2019 fanden an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Staatlichen Lomonossow-Universität die 24. Nikonow-Lesungen statt. Das Thema der internationalen Fachkonferenz im Rahmen der Nikonow-Lesungen lautete „Ländliche Entwicklung in der räumlichen Entwicklung des Landes: Potentiale, Herausforderungen, Perspektiven“. An der Veranstaltung nahmen mehr als 200 Gäste teil, darunter Wissenschaftler, Politiker, Regierungsvertreter aus 48 Regionen Russlands sowie aus Deutschland, China und Kasachstan.

Die Teilnehmer der Plenarsitzung wurden vom ersten stellvertretenden Vorsitzenden des Ausschusses des Föderationsrates für Agrar-, Ernährungspolitik und Naturnutzung, Sergej Mitin, von der Vizepräsidentin der Freien Ökonomischen Gesellschaft Russlands und Geschäftsführerin des Internationalen Verbands der Wirtschaftswissenschaftler Margarita Ratnikowa sowie vom Leiter des Deutsch-Russischen Agrarpolitischen Dialogs Martin Schüßler begrüßt.

„Ländliche Räume machen etwa 90 Prozent der Gesamtfläche Russlands aus. 37,5 Millionen Menschen oder etwa ein Viertel der Bevölkerung des Landes leben in ländlichen Gebieten. Es sind gerade ländliche Gebiete, die das Land verbinden - Wirtschaftszentren mit der Peripherie, Industriekomplexe mit der Ressourcenbasis. Sie dienen als Grundlage für die Landwirtschaft“, erörterte S. Mitin in seinem Grußwort. Auch informierte er darüber, dass der Gesamtbetrag der Finanzmittel für die Umsetzung des staatlichen Programms „Integrierte Entwicklung der ländlichen Räume“ bis 2025 etwa 2,3 Billionen Rubel beträgt, davon 50 Prozent außerbudgetäre Mittel. Darüber hinaus ist nach Ansicht des Senators ein integrierter Ansatz bei der Problemlösung und zur Unterstützung des ländlichen Raums wichtig. An

dieser Aufgabe sollten Behörden der föderalen und regionalen Ebenen sowie Wissenschaft, Sachverständige und Business-Vertreter beteiligt sein.

Das Impulsreferat der Plenartagung wurde vom Leiter des VIAPI-Nikonow-Instituts Alexander Petrikow, Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften, gehalten.

Seiner Auffassung nach sollte ein föderales Sondergesetz über die nachhaltige Entwicklung der ländlichen Räume verabschiedet werden, in dem die Rechtsgrundlagen für die ländliche Politik und Mechanismen zu ihrer Umsetzung festgesetzt werden, darunter auch die Definition der Begriffe „ländliche Räume“, „ländlicher Landkreis (Bezirk)“ und „städtischer Landkreis (Bezirk) (mit der Bevölkerungsdichte als Hauptkriterium) , Kompetenzen der föderalen und regionalen Behörden, der örtlichen Selbstverwaltung im Bereich Entwicklung der ländlichen Räume, Zielvorgaben der staatlichen Politik für ländliche Entwicklung und Maßnahmen für ihre Umsetzung.

Die Hauptrichtungen der aktuellen Politik zur Entwicklung des ländlichen Raums in Deutschland wurden von Antje Frehse, Referatsleiterin für Landjugend, Landfrauen und Ehrenamt im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, vorgestellt.

Genau wie in Russland zählen etwa 90 Prozent der Bundesfläche zu den ländlichen Regionen. In diesen Regionen lebt mit etwa 47 Millionen Menschen mehr als die Hälfte der Bevölkerung (82,79 Mio. Einwohner, Stand 2017). Das Ziel des Koalitionsvertrags für die 19. Legislaturperiode lautet „Gleichwertige Lebensverhältnisse in handlungs- und leistungsfähigen Kommunen in städtischen und ländlichen Räumen, in Ost und West.“ Unterschiedliche Akteure auf verschiedenen Ebenen - EU, Bund, Länder, Kommunen - sind an der Lösung von Herausforderungen im Zusammenhang mit der ländlichen Entwicklung beteiligt. Das Ziel der politischen Maßnahmen ist es, „Ländliche Räume zu stärken und zu gleichwertigen Lebensverhältnissen in Stadt und Land beizutragen“. Die Bundesregierung bildete mit den Ländern und kommunalen Spitzenverbänden im September 2018 eine Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ in sechs Facharbeitsgruppen. Im Juli 2019 wurden vom Bundeskabinett 12 wichtige Maßnahmen ergriffen um die Ungleichheit von Lebensbedingungen zu verringern.

Zu diesen Maßnahmen gehören u.a. die gezielte Förderung strukturschwacher Regionen, gezielte Maßnahmen zur Ansiedelung von Arbeitsplätzen in strukturschwachen Regionen („Dezentralisierung“), der flächendeckende Ausbau von Breitband und Mobilfunk, die Verbesserung der Mobilität und Verkehrsinfrastruktur in der Fläche, Maßnahmen zur Städtebauförderung und für den sozialen Wohnungsbau, faire Lösungen für kommunale Altschulden sowie die Stärkung von Engagement und Ehrenamt.

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft bestimmte folgende Ziele für die 19. Legislaturperiode: Optimierung bestehender Fördersysteme, Entwicklung neuer Ideen, Stärkung der Daseinsvorsorge, Verbesserung der Wirtschaftskraft der Regionen, Wertsteigerung von Landschaft und Erholung, Schaffung einer digitalen Chancengleichheit in allen Regionen, Stärkung der Ortsentwicklung und Nahversorgung, Reduzierung der Bürokratie, bessere Vernetzung staatlicher Ebenen, bürgernaher Zugang zur Verwaltung sowie Stärkung gesellschaftlichen Zusammenhalts und bürgerlichen Engagements.

Vom Thünen-Institut für Ländliche Räume (BMEL-Ressortforschung) wurde eine Typologie (Index der Ländlichkeit) der ländlichen Räume entwickelt, auf deren Grundlage ein „Landatlas“ erstellt wurde und ein gezieltes Monitoring ländlicher Räume durchgeführt werden kann. Hauptindikatoren für die ländliche Entwicklung bilden die Bevölkerungsdichte, der Anteil von Wald- und Agrarflächen an der Gesamtfläche, der Anteil von Ein- und Zweifamilienhäusern, das regionale demografische Potenzial und die Erreichbarkeit der Großstädte.

Darüber hinaus diskutierten die Teilnehmer der Konferenz Besonderheiten und wirtschaftliche Funktionen des Dorfes als soziales Teilsystem der Gesellschaft, die Bewertung von öffentlichen Gütern der ländlichen Wirtschaft, ländliche Gebiete und Kleinstädte im Kontext der Entwicklung von Ballungsräumen, Naturressourcen ländlicher Gebiete und deren ökologischen Zustand sowie rationale Naturnutzung, die sektorale Struktur der ländlichen Wirtschaft und ihre Trends, die Rolle von Kleinunternehmen und die Zusammenarbeit bei der Diversifizierung der ländlichen Wirtschaft, die Bewirtschaftung ländlicher Gebiete auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene, die Verbesserung der gesetzlichen Rahmenbedingungen zur Entwicklung des ländlichen Raums und weitere Fragen.

Im Rahmen der Arbeitskreise der Konferenz fand ein Sondertreffen zum 30. Jahrestag der Enzyklopädie der Forschungs-, Kultur- und Bildungsgesellschaft der russischen Dörfer statt. An diesem Treffen nahmen u.a. Wissenschaftler und Experten für Dorf- und Siedlungsgeschichte in Russland sowie Regionalwissenschaftler teil.