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Goldener Herbst 2019, Moskau

Zum 21. Mal fand in Moskau die russlandweit größte landwirtschaftliche Agrarfachmesse statt. An der feierlichen Eröffnung nahmen der Ministerpräsident der Russischen Föderation Dmitrij Medwedew, der Vizepremierminister für Agrarpolitik Alexej Gordejew, der Generaldirektor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) Qu Dongyu sowie der Landwirtschaftsminister Russlands Dmitrij Patruschew teil. Offizielles Partnerland des „Goldenen Herbstes 2019“ war Serbien.

Dieses Jahr waren auf der Messe mit einem mehr als 50 Veranstaltungen umfassenden Fachprogramm etwa 1.500 Aussteller aus den russischen Regionen sowie aus Nachbarländern und dem Ausland vertreten. Die zunehmend internationale Ausrichtung zeigte auch die Organisation des 1. Internationalen Agrarforums (MAPF-2019) am 9. und 10. Oktober 2019, das globale Entwicklungstendenzen in der Landwirtschaft sowie die Position des russischen Agrarsektors im internationalen Markt für Nahrungsmittel thematisierte.

Zahlreiche Veranstaltungen des „Goldenen Herbsts 2019“ widmeten sich der Etablierung eines nationalen „grünen Standards“ mit entsprechendem Siegel für Agrarerzeugnisse und der Entwicklung des einheimischen Ökolandbaus. Der stellvertretende russische Landwirtschaftsminister Maxim Uwaidow nahm an einem Runden Tisch zum Thema „Erzeugnisse mit verbesserter „grüner“ Qualität“ und an einer gemeinsam vom Nationalen Russischen Ökolandbauverband und Deutsch-Russischen Agrarpolitischen Dialog organisierten Podiumsdiskussion zum Thema „Ökologischer Landbau in Russland im Vorfeld der Inkrafttretung des Gesetzes über die organischen Erzeugnisse“ teil.

Moderiert wurde die Veranstaltung vom Vorsitzenden des Nationalen Russischen Ökolandbauverbands Oleg Mironenko. Auf Einladung des Deutsch-Russischen Agrarpolitischen Dialogs nahm der ehemalige Direktor (1987 – 2005) und Botschafter der Internationalen Vereinigung der Ökolandbaubewegungen IFOAM (1987-2005) Bernward Geier an der Diskussion teil. Weitere Vertreter der Diskussion waren Ilja Kaletkin, der Vorstandsvorsitzende der im Ökolandbau tätigen Unternehmensgruppe Arivera aus Mordwinien und Vertreter der IFOAM Russland, Konstantia Nalmpanti, die Geschäftsführerin des Zertifizierungsunternehmens A-CERT, Alexej Alexejenko, Berater in der Landwirtschaftsbehörde Rosselchosnadsor) sowie Jelena Saratzewa, die stellvertretende Leiterin von Roskatschestwo, einer russischen Organisation zur Beaufsichtigung der Lebensmittelqualität.

Vizeminister Maxim Uwaidow betonte die Bedeutung des deutschen Marktes für den russischen Ökolandbau. Die Zusammenarbeit mit Deutschland im Fachbereich Ökolandbau sei sehr erfolgreich und wegweisend. Er hofft auf einen weiteren intensiven bilateralen Austausch auf Experten- sowie auf politischer Ebene. Die Zuständigkeit für technische Regulierungsfragen im Hinblick auf die Standards solle in den Kompetenzbereich von Roskatschestwo gelegt werden. Zentrale aktuelle Herausforderungen und Fragen für das Ministerium seien die Harmonisierung der ÖLB-Standards sowie gegenseitige Anerkennung der Zertifizierung zur Erleichterung des internationalen Handels, Maßnahmen gegen Greenwashing sowie Aufklärungsmaßnahmen für Verbraucher.

IFOAM-Botschafter Bernward Geier sieht Russland an der Schwelle eines sehr guten Weges. Alle erforderlichen Ressourcen und Voraussetzungen für eine erfolgreiche Entwicklung des Ökolandbaus seien vorhanden. Die Zusammenarbeit zwischen IFOAM und dem Nationalen Ökolandbauverband sei sehr erfolgreich. Es komme nun auf die Umsetzungspraxis beim neuen Ökolandbaurahmengesetz an. Für eine zunehmende Akzeptanz der russischen Gesetzgebung und die Steigerung der Nachfrage nach russischen ÖLB-Produkten auch im Ausland empfiehlt er eine weitere intensive Kooperation mit IFOAM im Hinblick auf die Setzung international anerkannter Standards sowie aktives Marketing und eine größere internationale Präsenz. Ein mögliches Projekt zur Stärkung der Inlandsnachfrage nach Bioprodukten sei die öffentliche Beschaffung für soziale Einrichtungen. Im Rahmen des sogenannten „Kopenhagen-Projekts“ stammen 90 % der in sozialen Einrichtungen der dänischen Hauptstadt verwendeten Lebensmittel aus dem Ökolandbau.

Der Arivera-Vorstandsvorsitzende Ilja Kaletkin befürchtet, dass der neu zu etablierende Sektor der integrierten Landwirtschaft von den Verbrauchern nicht ausreichend zum Ökolandbausektor abgegrenzt werden könnte. Damit sei die Gefahr einer Verwässerung der Biobranche mit anschließender Marktverdrängung verbunden. Für die Unternehmen bestehe weiterhin das Problem der hohen Kosten der ausländischen Bio-Zertifizierung, die ab dem 01.01.2020 nicht mehr automatisch in Russland anerkannt werde, sowie hohen bürokratischen Hürden und langen Wartezeiten für die nationale Zertifizierung in Russland.

A-CERT-Geschäftsführerin Konstantia Nalmpanti betonte die Notwendigkeit einer ausreichenden Anzahl qualifizierter Experten im Bereich der Zertifizierung aber auch im Vertrieb und Handel der Bio-Produkte. A-CERT arbeite mit Hochdruck an der Ausbildung entsprechender Fachleute. Für November 2019 werde der Abschluss der laufenden Lehrgänge erwartet. Die Fachausbildung müsse neben den internationalen Standards auch nationale Standards und Gesetze beinhalten. Für die angehenden Inspektoren müsse zugleich aber die Arbeitsebene der täglichen Umsetzungspraxis entsprechend betont werden.

Die stellvertretende Leiterin von Roskatschestwo Jelena Saratzewa erläuterte, dass in ihrer Organisation derzeit diverse terminologische Fragen geklärt sowie Standards für Böden und Biopräparate ausgearbeitet werden. Das Ausbildungsprogramm für Zertifizierer russischer Standards bedürfe einer staatlichen Registrierung und Kontrolle. Die zum 31.12.2019 auslaufende automatische Akzeptanz ausländischer Biozertifikate für einen Verkauf von Produkten in Russland unter dem Label „organisch“ könne nach derzeitiger Rechtslage nur durch einen Anerkennungsvertrag des ausländischen Zertifizierers mit Roskatschestwo gelöst werden. Andernfalls müsse sich der ausländische Zertifizierer in Russland neu akkreditieren lassen oder der Händler in Russland eine inländische Zertifizierung der entsprechenden Produkte veranlassen.

Rosselchosnadsor-Berater Alexej Alexejenko bemerkte in diesem Zusammenhang, dass die international gegenseitige Anerkennung der Biozertifikate weiterhin ein vorrangiges Ziel sei. An der Liste mit zugelassenen bzw. verbotenen Substanzen für den ökologischen Landbau müsse weitergearbeitet werden.

Anschließend wurde den ca. 200 Zuhörern im Publikum die Möglichkeit gegeben, Fragen an die Experten zu stellen. Dabei stellte sich heraus, dass die Frage, ob und in welchem Umfang ab dem Januar 2020 von ausländischen Zertifizierungsunternehmen nach europäischen Standards zertifizierte und von russischen Händlern vertriebene Bioprodukte in Russland in der Praxis weiter als „organisch“ verkauft werden können, für die Unternehmen und Händler aktuell als sehr dringlich eingestuft wird und vor dem Hintergrund der anhaltenden bürokratischen und kapazitativen Hürden bei der Zertifizierung in Russland noch nicht abschließend geklärt ist.

Auch bleibt die weitere Entwicklung im Hinblick auf die Positionierung und vor allem Abgrenzung der integrierten Landwirtschaft „seljonyj brend“ zum Ökolandbau auf der politischen Agenda. Von der Umsetzung und Transparenz für den Verbraucher dürfte die künftige Entwicklung des ökologischen Landbaus in Russland sowohl für den Binnenmarkt als auch für den Export maßgeblich abhängen.