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Podiumsdiskussion "Deutsch-Russischer Erfahrungsaustausch zum Thema "Informationssysteme zur Gewährleistung einer höheren Transparenz im Saatgutverkehr" im Rahmen der Feldtage 2019, Sankt-Petersburg

Zum ersten Mal wurde im Rahmen der Agrarausstellung Allrussische Feldtage 2019, die in diesem Jahr an der staatlichen Agraruniversität St. Petersburg stattfand, eine gemeinsame Veranstaltung des Landwirtschaftsministeriums der RF und des Kooperationsprojekts Deutsch-Russischer Agrarpolitischer Dialog (APD) mit Unterstützung der German Agribusiness Alliance/Arbeitsgruppe Agrarwirtschaft beim Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft organisiert.

Der deutsch-russische Erfahrungsaustausch zum Thema „Informationssysteme zur Gewährleistung einer höheren Transparenz im Saatgutverkehr“ unter Beteiligung von Vertretern der föderalen und regionalen Regierungen, der Fachverbände der Saatgutproduzenten und -züchter sowie der Wissenschaft und Wirtschaft beider Länder sollte wirksame Vorschläge zur Verbesserung des Informationssystems im Saatgutverkehr erörtern sowie den weiteren Dialog über die Lösung bestehender Herausforderungen in diesem Bereich unterstützen.

APD-Projektleiter Martin Schüßler bedankte sich bei der Eröffnung der Veranstaltung beim Landwirtschaftsministerium der Russischen Föderation für die Gelegenheit, die Veranstaltung auf einer so bedeutenden Plattform für den Agrarsektor zu organisieren. Er betonte auch, dass die Züchtung und die Saatgutproduktion im Projekt immer thematischen Vorrang haben.

Ljudmila Smirnova, stellvertretende Abteilungsleiterin für Pflanzenbau, begrüßte die Diskussionsteilnehmer und unterstrich dabei, dass die deutschen Erfahrungen im Bereich der IT-Lösungen im Saatgutverkehr, die sie u.a. während einer Fachinformationsreise nach Deutschland gemacht hatte, äußerst wertvoll waren und dementsprechend bei der Entwicklung des neuen russischen Informationssystems berücksichtigt wurden. Aus ihrer Sicht seien daher das russische und das deutsche System weitgehend ähnlich.

In seiner Begrüßungsrede sowie in der anschließenden Diskussion betonte Torsten Spill, Vorsitzender der German Agribusiness Alliance und Co-Vorsitzender der Arbeitsgruppe Agrarwirtschaft beim Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der deutschen Wirtschaft, dass das Saatgutinformationssystem in der Saatgutverkehrskontrolle mit seinen modernsten Technologien in Deutschland zwar eine wichtige, aber trotzdem untergeordnete Rolle spiele. Der Zweck dieses Systems bestehe in erster Linie darin, den Schutz seiner Kunden zu gewährleisten. In Deutschland werde viel Wert auf die sogenannte "physische Sicherheit" gelegt, dies gelte vor allem für die Etikettierung, Verpackungen, und die Verplombung für den Zoll. Die IT-Systeme sollten diese Kontrolle einfach unterstützen und die Daten verwalten. Darüber hinaus ist es aus Sicht von Herrn Spiel äußerst wichtig, dass bei einer solchen Transparenz des gesamten Prozesses der Saatgutverkehrskontrolle die Vertraulichkeit gewahrt bleibe. Ein System der lückenlosen Rückverfolgbarkeit des Saatgutverkehrs, bei dem innovative Sorten und ihre Vermarktungsmöglichkeiten für alle Wettbewerber sofort sichtbar seien, sollte keine Bedrohung für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit darstellen.

Das Föderale Informationssystem für Saatgutwesen und landwirtschaftliche Pflanzen (kurz Informationssystem „Saatgutwesen“), seine aktuelle Funktionsweise und mögliche Verbesserungen, wurde von Alexander Kusnetzow, dem stellvertretenden Geschäftsführer der Firma MartInfo und einem der Hauptentwickler vorgestellt. Die Hauptziele des Programms sind u.a. die Umsetzung der Befugnisse der Behörde im Bereich der Saatgutproduktion, der Ausschluss von gefälschtem Saatgut auf dem Markt, die Kontrolle der Zuverlässigkeit von Informationen auf dem Gebiet der Saatgutproduktion, die Information der Bürger über Pflanzensorten, die Verfügbarkeit und Qualität von Saatgut sowie über Saatgutproduzenten. Darüber hinaus sind die Erstellung und Führung eines Teilnehmerregisters, die Erfassung des Saatgutverkehrs der landwirtschaftlichen Pflanzenarten, Informationsinteraktionen mit anderen Informationssystemen, die Schaffung eines Systems der analytischen Berichtserstattung sowie eine dezentrale Datenspeicherung in Planung.

APD-Expertin Heike Wolters-Becker, zuständig für den Bereich Saatgutverkehrskontrolle bei der LWK Niedersachsen, stellte in ihrem Vortrag das Informationssystem für Saatgutverkehr am Beispiel Niedersachsens mit den Teilaspekten Aufbau, Ablauf, Rückverfolgbarkeit und Kontrolle vor. Sie ging detailliert auf die Einzelheiten des ganzen Verfahrens von der Probenahme des Saat- und Pflanzguts und Prüfung auf Beschaffenheit, über den Anerkennungsbescheid, die Verschließung / Etikettierung durch amtliche Probenehmer, das Inverkehrbringen mittels Lieferscheine, Frachtbrief oder Rechnung mit Anerkennungsnummern sowie die Saatgutverkehrskontrolle ein. Die Expertin stellte auch den bestehenden gesetzlichen Rahmen dar, der die lückenlose Rückverfolgbarkeit und Identifizierung von Saatgutpartien gewährleistet. Ein bewährtes Zertifizierungs- und Kennzeichnungssystem ermöglicht es, unzuverlässige Saatguterzeuger wirksam zu verhindern und im Falle von Verstößen schnell zu identifizieren und zu verfolgen, um die Endverbraucher vor Fälschungen zu schützen. Deutsche Züchter verwenden dieses System zur Überwachung des Saatgutverkehrs auch zur Erhebung von Lizenzgebühren.

Im Laufe der lebhaften, mehr als zweistündigen Diskussion, die von Alexander Korbut, dem Vizepräsidenten des Russischen Getreideverbands, moderiert wurde, konnten alle Teilnehmer ihre Positionen zum Ausdruck bringen. Anatolij Michiljow, der Vorsitzende des Nationalen Verbands der Pflanzenzüchter und Selektionäre, stellte den Ablauf des Inverkehrbringens einer Sorte / Hybride vom Pflanzenzüchter bis zum Saatgutverbraucher, der in seinem Verband ausgearbeitet wurde, vor. Igor Lobatsch, Präsident der Nationalen Vereinigung der Erzeuger von Mais- und Sonnenblumensaatgut, ging auf die Probleme aus der praktischen Erfahrung in der Zusammenarbeit mit amtlichen Saatgutanerkennungsstellen zur Steigerung ihrer Informationstransparenz ein. Aleksej Krassilnikow, Geschäftsführer des Kartoffelverbandes, sprach problematische Fragen des Monitorings des Pflanzkartoffelverkehrs an.

Den meisten Akteuren der Saatgutbranche zufolge gibt es heute in Russland keine einheitliche, vollständige und zuverlässige Ressource, die Informationen über zum Verkauf oder zur Aussaat hergestelltes Saatgut enthält. Das Fehlen einer angemessenen Kontrolle über den Verkehr der Saatgutpartien führt zu einem Anstieg des Anteils von minderwertigen und gefälschten Produkten und Produkten, die unter Verletzung des Urheberrechts und anderer Rechte des geistigen Eigentums hergestellt werden. Die Unmöglichkeit, die tatsächliche Grundlage für die Berechnung der Lizenzgebühren zu bestimmen, behindert die Finanzierung der russischen Züchtung erheblich, was dazu führt, dass ihre technischen und personellen Kapazitäten immer weiter hinter den weltweit führenden Unternehmen der Branche zurückbleiben.

Abschließend unterstrich Alexander Korbut die Bedeutung solcher Veranstaltungen sowohl für den Erfahrungsaustausch zwischen den beiden Ländern als auch für den direkten Meinungsaustausch zwischen Marktteilnehmern und Vertretern von Gesetzgebungs- und Exekutivbehörden. Nur mithilfe von gelegentlich auch sehr kritischer Diskussion ist es möglich, ein wirklich effektives System zu schaffen.