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Podiumsdiskussion zum Thema: "Ökolandbau in Russland unter neuen Rahmenbedingungen", im Rahmen der BioFach, am 14. Februar 2019

Am 14. Februar 2019 organisierte der Deutsch-Russische Agrarpolitische Dialog zusammen mit dem Ministerium für Landwirtschaft der Russischen Föderation und dem Nationalen Ökolandbauverband der Russischen Föderation im Rahmen der Messe BioFach eine Podiumsdiskussion zum Thema „Ökolandbau in Russland unter neuen Rahmenbedingungen“. Knapp 100 Zuhörer, darunter Vertreter der föderalen und regionalen Behörden und Branchenvertreter beider Staaten nahmen an der Diskussion teil und erörterten die aktuelle Situation sowie Trends, Herausforderungen und Entwicklungsprobleme des russischen Marktes für Ökolandbauerzeugnisse. Dabei nahmen das von der russischen Regierung beabsichtigte Ziel einer starken Ausrichtung der Ökolandbaubranche auf den Export und seine rechtlichen Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle ein.

Die Diskussion moderierte der Vertreter des Nationalen Russischen Ökolandbauverbands und Geschäftsführer der Unternehmensgruppe „Arivera“ Ilja Kaletkin. In seiner Begrüßung betonte er den großen Fortschritt infolge der Verabschiedung des Rahmengesetzes zum Ökolandbau in Russland im Juli 2018. Damit sei eine zentrale gesetzliche Grundlage geschaffen worden, die zum 1. Januar 2020 in Kraft trete und die Voraussetzung für weitere abgeleitete Rechtsakte bilde.

Der Vorsitzende des Agrarausschusses der Staatsduma Wladimir Kaschin hob in seinem Grußwort hervor, eine grundsätzliche Aufgabe des Staates müsse darin bestehen, die grundsätzliche Bedeutung von Lebensmitteln als der Gesundheit der Menschen dienenden „Lebens-Mittel“ im Auge zu behalten und zu bewahren. Dies gelte nochmals verstärkt für Ökolandbauprodukte, für die aufgrund des höheren Preisniveaus ein entsprechendes Marketing wichtig sei, damit der Kunde wisse, wofür er mehr zahle. Im Gegenzug müsse der Staat auch für die Durchsetzung der erhöhten Produktanforderungen für den höheren Preis einstehen und hierzu den entsprechenden rechtlichen Rahmen schaffen. Deutschland habe beim Ausbau des Ökolandbausektors viele auch für Russland wertvolle Erfahrungen gesammelt.

Der stellvertretende Landwirtschaftsminister der Russischen Föderation Iwan Lebedew ging auf die Bedeutung einer gegenseitigen Anerkennung der Biozertifizierung zwischen Russland und der EU für den Handel mit Ökoprodukten zwischen beiden Wirtschaftsräumen ein. Russland sei an Fortschritten in dieser Frage sehr interessiert, auch wenn klar sei, dass dieser Prozess Zeit und gegenseitiges Vertrauen benötige. Russland arbeite aktuell am Aufbau eines Expertenpools zur Zertifizierung und an der Ausarbeitung eines spezifischen Fördersystems für den Ökolandbau. Dies schließe den Ausbau des Beratungssystems und die Etablierung von Kompetenzzentren sowie die Unterstützung der Regionen im Hinblick auf die spezifische Erarbeitung regionaler Förderprogramme für den Ökolandbau ein.

Die Vertreterin des BMEL, Stefanie von Scheliha-Dawid hob in ihrem Grußwort die Rolle Deutschlands als weltweit zweitgrößtem Markt für Ökolandbauerzeugnisse hervor, der seine weiter steigende Nachfrage in vielen Marktsegmenten nicht decken könne und daher auf Importe angewiesen sei. Russland könne hier einen wertvollen Beitrag leisten. Der Deutsch-Russische Agrarpolitische Dialog sei ein Beispiel für eine sehr erfolgreiche bilaterale Kommunikationsplattform auch in Zeiten politischer Differenzen. Deutschland sei gerne bereit, weiterhin seine Expertise mit Russland zu teilen.

Der Geschäftsführer der EkoNiva-APK Holding Stefan Dürr verwies darauf, dass mit der neuen gesetzlichen Regelung ab 2020 auch die Notwendigkeit der Rezertifizierung europäischer Hersteller auf dem russischen Markt verbunden sei. Fortschritte in der Anerkennung der Biozertifizierung seien daher für beide Seiten von Interesse.

Nach den Worten des Generaldirektors des Tomsker Unternehmens „SibBioprodukt“ Stanislaw Gurjew dürfe die Weiterentwicklung des Binnenmarktes nicht vernachlässigt werden. Ein effektives Zertifizierungssystem sei dabei nicht nur für Export wesentlich, sondern auch für die Entwicklung der Nachfrage nach Bioerzeugnissen aus eigener Produktion in Russland.

Die Generaldirektorin des bisher einzigen in Russland staatlich akkreditierten Zertifizierungsunternehmens „Organik Expert“ Tatjana Wolkow hob die Bedeutung der Akkreditierungsbehörde „Rosakkreditacija“ hervor, die den Zertifizierungsstellen die entsprechende staatliche Lizenz vergebe. Eine internationale Anerkennung von deren Zertifizierungskriterien und -verfahren bedeute eine große Erleichterung für den Export russischer Bioprodukte. Daher sei es eine wichtige Aufgabe, auf diese Anerkennung hinzuarbeiten und die Effektivität der Zertifizierung durch eine intensivierte Ausbildung zusätzlicher Fachkräfte zu gewährleisten. Für ihr Unternehmen bestehe ein grundlegendes Problem im diesbezüglichen Personalmangel.

In der Diskussion bestand Einigkeit darüber, dass die Zulassung von „Organic Expert“ als bisher einziges staatlich akkreditiertes Zertifizierungsunternehmen in Russland nicht ausreicht. Aufgrund des Marktvolumens und des Marktwachstums müssten zügig weitere Unternehmen die Chance auf eine Akkreditierung erhalten. Die Ausbildung qualifizierter Kontrollfachkräfte habe vordringlichen Bedarf.

Vizeminister Lebedew hob hervor, mehrere Arbeitsgruppen im Landwirtschaftsministerium nähmen die angesprochenen Probleme in Angriff und sagte zu, man wolle weiterhin in engem Austausch mit Unternehmen, Forschung und Wissenschaft sowie mit Branchenvertretern und Vertretern der Zivilgesellschaft stehen. Den deutschen Partnern dankte er für die Gastfreundschaft und die Kooperation. Das große und unverändert steigende Interesse der Unternehmen zeige den Erfolg der Messe. Er freue sich bereits auf die Teilnahme der russischen Delegation an der BioFach im Jahr 2020.