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Gemeinsame Podiumsveranstaltung zum Thema: „Ökolandbau: Neue Perspektiven der deutsch-russischen Zusammenarbeit“ am 15. Februar 2018 in Nürnberg im Rahmen der BioFach 2018

Am 15. Februar 2018 organisierte der Deutsch-Russische Agrarpolitische Dialog zusammen mit dem Ministerium für Landwirtschaft der Russischen Föderation und dem Nationalen Ökolandbauverband der Russischen Föderation im Rahmen der internationalen Messe für ökologische Konsumgüter BioFach eine Podiumsdiskussion zum Thema „Ökolandbau – Neue Perspektiven der deutsch-russischen Zusammenarbeit“. Mehr als 100 Zuhörer, darunter Vertreter der föderalen und regionalen Behörden und Branchenvertreter beider Staaten nahmen an der Diskussion teil und erörterten die aktuelle Situation sowie Entwicklungsprobleme des russischen Marktes für Ökolandbauerzeugnisse.

In seiner Begrüßungsrede betonte der Stellvertretende Landwirtschaftsminister der Russischen Föderation Jewgenij Gromyko besonders die Dringlichkeit einer gesetzlichen Grundlage, zum einen für die Branchenentwicklung insgesamt, zum anderen aber auch im Detail für die Umsetzung im Herstellungsprozess für Ökolandbauprodukte. „Im Vorfeld der Gesetzesverabschiedung sollten wir gemeinsam mit unseren zuverlässigen Partnern auch aus Deutschland eine Begutachtung des Dokumentenpaketes vornehmen, was uns erlaubt einerseits rechtzeitig aus negativen Erfahrungen zu lernen, denen sich früher andere Länder ausgesetzt sahen, und andererseits auch das Verkaufsspektrum russischer Ökolandbauerzeugnisse zu erweitern.“

In seinem Einführungsvortrag stellte Miron Schikalow, geschäftsführender Leiter der Abteilung für Wissenschafts- und Technologiepolitik sowie Ausbildung im Landwirtschaftsministerium der Russischen Föderation, den Zuhörern grundlegende Vorschriften des geplanten Gesetzes vor. (Die Präsentation „Über das Projekt des föderalen Gesetzes ‚Über die Produktion organischer Erzeugnisse" in deutscher Sprache finden Sie hier).

Er betonte ebenfalls, dass die Verabschiedung des Föderalen Gesetzes über den ökologischen Landbau russischen Herstellern die Möglichkeit eröffnet ihre Produktion vollwertig auf ein internationales Niveau umzustellen und unredlichen Herstellern im Inland einen Riegel vorschiebt ihre Erzeugnisse irreführend als „organisch“ zu kennzeichnen.

Im weiteren Verlauf der Podiumsdiskussion stellten die Teilnehmer ihre Unternehmen und ihre Auffassungen und Vorschläge zur weiteren Entwicklung des Ökolandbaus in Russland vor. So vertrat der Generaldirektor des Tomsker Unternehmens „SibBioprodukt“ mit mehr als 27.000 Hektar Land, einem Umsatz von mehr als 100 Millionen Rubel im Jahr 2017 und seit vier Jahren Exporten in die USA und nach Europa Stanislaw Gurjew die Auffassung, dass die Aufgabe des Staates nicht nur in der Generierung und Förderung von Exportpotenzial bestehe, sondern auch in der Weiterentwicklung des Binnenmarktes. „In Russland existiert meiner Beurteilung nach kein Markt, ihn wird es voraussichlich erst in zehn Jahren geben. Es stellt sich daher die dringende Frage, an wen wir verkaufen sollen. Bei weitem nicht jeder Landwirt kann ins Ausland verkaufen.“ Allerdings können sich die Landwirte bei vielen Problemen selbst gegenseitig helfen und hierzu wäre es nach Meinung von Stanislaw Gurjew notwendig, sich zu Genossenschaften zusammenzuschließen.

In der Unternehmensgruppe EkoNiva-APK Holding, die aktuell eine Fläche 340.000 Hektar bewirtschaftet und einen Bestand von mehr als 100.000 Rindern aufweist, entsprechen bisher die Bewirtschaftung von etwa 3.500 Hektar Land und die Haltung von 1.280 Rinder den EU-Ökolandbaustandards. Mit Ökolandbau beschäftigt sich die GmbH Savinskaya Niva unter der Leitung von Anatolij Nakarjakow, einem von zwei unter hundert angestellten Agrarexperten in der Unternehmensgruppe, die nach den Worten von Generaldirektor Stefan Dürr über das Know-How verfügen, „wie man ökologischen Landbau in der Praxis umsetzt“. In diesem Zusammenhang besteht ein grundlegendes Problem im Mangel an qualifizierten Experten. Weiterhin sind große Herausforderungen in der Entwicklung der Weiterverarbeitung und in der Entwicklung des Binnenmarkts für Ökolandbauprodukte zu beobachten. Was die Zertifizierung anbetrifft, so könne nach Auffassung von Stefan Dürr das Zertifikat durchaus von einem privaten Unternehmen vergeben werden, allerdings müsse es staatlich anerkannt sein und insbesondere über das Vertrauen der Konsumenten verfügen. Auf die Frage des Moderators, ob er in Anbetracht der aktuellen Situation (auch Ausländern) Investitionen in die russische Landwirtschaft empfehlen würde, antwortete Dürr: „Ich würde dazu raten, allerdings müssen die Investitionen auf eine adäquate Weise erfolgen.“

Der Landwirtschaftsminister der Republik Baschkortostan Ilschat Fasrachmanow führte aus, dass seine Republik bereits heutzutage zu den führenden Föderationssubjekten Russlands im Bereich der Herstellung von organischem Dünger gehört und auch in der Zukunft eine führende Position in der Produktion von „organischen“ Erzeugnissen einzunehmen beabsichtigt.

Zum Bedauern von Tatjana Kuchorenko, der geschäftsführenden Direktorin des Unternehmens TPK SAVA finden Wildpflanzen im neu ausgearbeiteten Gesetzentwurf „Über die Herstellung organischer Erzeugnisse“ keine Erwähnung. Produkte wie Pinienkernenmilch, getrockneter Sanddorn, Sanddornsäfte, die vom Tomsker Unternehmen auf der BioFach vorgestellt wurden, erfreuten sich einer großen Nachfrage auf dem internationalen Markt und würden hauptsächlich in die Länder der Europäischen Union, darunter Tschechien und Deutschland, geliefert.

Laut Moderator Ilja Kaletkin - Präsident der Unternehmensgruppe Arivera - und anderer Teilnehmer der Podiumsdiskussion ist für die Entwicklung des Ökolandbaus in Russland eine Reihe komplexer Maßnahmen im Sinne einer aktiven staatlichen Förderpolitik notwendig. In erster Linie beträfen diese Fragen, die mit einer verbesserten Information und Aufklärung der Verbraucher im Zusammenhang mit Ökolandbauerzeugnissen zusammenhängen.

Der Konsum von Erzeugnissen aus dem Ökolandbau ist nicht nur im Kontext der Sorge um die eigene Gesundheit zu sehen, sondern vor allem auch als Beitrag zum nachhaltigen Umweltschutz. Genauso wichtig ist die Möglichkeit einer Kompensation von Transportaufwendungen in Betracht zu ziehen, die heute bis zu 40-50 % der Produktkosten betragen.

Staatliche Unterstützung ist auch notwendig in der Frage des gesetzlichen Schutzes von Handelsmarken und -bezeichnungen um beispielsweise der unlauteren Verwendung der die Region betonenden Produktbezeichnung „Sibirische Pienienkerne“ durch ausländische Produktfälscher vorzubeugen.

Darüber hinaus sind hohe Verkaufspreise und damit verbunden eine geringe Nachfrage, das Fehlen von Vertriebskanälen sowie ungenügende Maßnahmen gezielter staatlicher Unterstützung zu beklagen. Dies sind die dringlichsten im Verlaufe der Diskussion erwähnten Herausforderungen, vor denen die Pioniere des Ökolandbaus in Russland gegenwärtig stehen und deren gemeinsame Lösung eine wichtige Aufgabe von Branchenverbänden und Politik ist.